Dienstag, Juni 18, 2024

Sinnvolle Labordiagnostik im Sinne der Patienten

Sinnvolle Labordiagnostik bedeutet ärztliches Handeln im Interesse der Patienten, um möglichst effektiv qualitativ hochwertige Laborergebnisse zu erhalten.

 

Sinnvolle Labordiagnostik ist ärztliches Handeln im Interesse der Patientengrundversorgung. Die ärztliche Steuerung der Labormedizin ist entscheidend, um möglichst effektiv durch qualitiativ hochwertige Laborergebnisse den medizinischen Prozesse im Sinne der Patientinnen und Patienten zu steuern. Neben der Bildgebung wie Sonografie und Röntgen sowie der ärztlichen Erfahrung des Klinikers bei Anamnese und körperlicher Untersuchung ist die Labormedizin die dritte Säule der modernen Medizin. Fast 70 Prozent aller Diagnosen werden heute auf der Basis labormedizinischer Befunde gestellt.

Der Laborarzt gewährleistet die hohe Qualität der Laboranalytik auch durch Zertifizierungs- und Akkreditierungsmaßnahmen. Schnelle Ergebnisse mit einer hohen Sicherheit unterstützen dabei die Patientenversorgung. Regionale Labore und unter ärztlichen Gesichtspunkten organisierte Laborverbünde sichern eine flächendeckende labormedizinische Versorgung in Deutschland.

 

4‐Augen‐Prinzip für einen sinnvollen Einsatz der Labordiagnostik

Entscheidend für einen sinnvollen Einsatz der Labordiagnostik im Interesse des Patienten (Abbildung 1) und der begrenzten Ressourcen des Gesundheitssystems ist das 4‐Augen‐Prinzip: Laborärzte werden auf Basis der Belange des Patienten durch den klinisch tätigen Arzt mit der Durchführung der Laboranalytik beauftragt. Die Aufgabe des Laborarztes ist neben der qualitätsgesicherten Analytik auch den klinisch tätigen Arzt bei der richtigen Testauswahl zu beraten und unter wichtigen präanalytischen Gesichtspunkten bei der Probenentnahme und dem Probentransport zu unterstützen.

Der interdisziplinäre Dialog zwischen dem Laborarzt und dem Arzt mit direktem Patientenkontakt ist dann entscheidend für die richtige Bewertung der Laborresultate im Sinne der medizinischen Validation bis hin zum laborärztlich kommentierten Befund. Laborärztliches Handeln ist damit in der täglichen Routine ein Teilaspekt der medizinischen Grundversorgung. Dies muss erhalten bleiben!

Labordiagnostik Abbildung 1 / www. ladr. de
Labordiagnostik Abbildung 1 / www. ladr. de

Alle Menschen kennen die Materialabnahme für Laboruntersuchungen beim Arzt, sei es als Blut‐ (Abbildung 2), Urin‐ und Stuhlprobe oder Abstrich bei Infektionsverdacht sowie Gewebeentnahme zur histopathologischen Untersuchung. Auch Materialien wie Speichel oder Haare spielen eine Rolle, wenn wir an genetische Laboruntersuchungen wie z.B. im Rahmen von Abstammungsuntersuchungen oder an toxikologische Laboranalysen bei der Doping‐ und Drogenanalytik denken.

Labordiagnostik Abbildung 2 / www. ladr. de
Labordiagnostik Abbildung 2 / www. ladr. de

 

Labordiagnostik bei einer chronisch nierenkranken Patientin

Hinter jeder medizinischen Probe im Labor steht ein menschliches Schicksal – ein Patient mit seinen Sorgen und Hoffnungen. Sinnvolle ärztliche Labormedizin unterstützt den gesamten medizinischen Prozess (Abbildung 3) von der Früherkennung von Krankheiten über die Diagnosesicherung zahlreicher Erkrankungen bis hin zum Monitoring von Therapien sowie der Nachsorge z.B. von Tumorerkrankungen.

Labordiagnostik Abbildung 3 / www. ladr. de
Labordiagnostik Abbildung 3 / www. ladr. de

Beispielhaft wird die Bedeutung der ärztlichen Labormedizin an einem realen Patientenleben einer chronisch nierenkranken Patientin (Abbildung 4) erläutert:

Frau D.K. ist 54 Jahre alt. Mit 5 Jahren wurde bei der Patientin anhand deutlich erhöhter Blutzuckerwerte ein Diabetes mellitus Typ 1 festgestellt. Seit Jahrzehnten wird ihre Diabetestherapie mit Insulin anhand der Glukosemesssung im Kapillarblut gesteuert. Hilfreich zur Einschätzung der Situation der Patientin ist auch der Langzeitblutzuckerwert HbA1c.

Nüchtern‐Glukosewert, oraler Glukosetoleranztest und HbA1c‐Wert sind aber auch wichtig bei der Feststellung sowohl des Schwangerschaftsdiabetes als auch der Volkskrankheit Diabetes mellitus Typ 2, der insbesondere im Rahmen des metabolischen Syndroms bei Älteren auftreten kann. Auch die zum metabolischen Syndrom gehörende Fettstoffwechselstörung wird durch die Laborwerte Cholesterin und Triglyceride diagnostiziert. Als präventive Maßnahme werden diese Laborparameter auch im sogenannten Check‐up‐35 untersucht.

Labordiagnostik Abbildung 4 / www. ladr. de
Labordiagnostik Abbildung 4 / www. ladr. de

Zurück zu unserer Patientin Frau D.K.: Als Komplikation der Zuckererkrankung entwickelte sich bei der Patientin ein chronisches Nierenversagen. Bereits in Frühstadien kann durch den labormedizinischen Nachweis einer pathologischen Eiweißausscheidung im Urin diese diabetische Nephropathie festgestellt werden. Heute kann mit einer entsprechenden Therapie eine Progression der Erkrankung verlangsamt werden. Bei Frau D.K. allerdings kam es schließlich 1989 zu einem endgültigen Versagen der Nieren, was durch Laborresultate festgestellt wurde. Eine lebenserhaltende maschinelle Nierenersatztherapie konnte rechtzeitig begonnen werden. Die Therapiesteuerung dieser Dialyse wird ganz wesentlich auf Basis von Laborwerten durchgeführt. Auch die Entdeckung einer Anämie, die regelmäßig bei Nierenerkrankten auftritt, sowie die Therapiesteuerung dieser Blutarmut erfolgt vor allem auf Basis von Laborergebnissen.

Laborergebnisse, wie z. B. die Bestimmung der Blutgruppen‐ und Gewebemerkmale, ermöglichten schließlich auch, dass eine passende Transplantatniere für Frau D.K. gefunden werden konnte. Eine vollständige Gewebeverträglichkeit besteht allerdings nur bei eineiigen Zwillingen, so dass bei unserer Patientin durch eine medikamentöse Immunsuppression eine Abstoßung des postmortalen Nierentransplantats verhindert werden muss. Der Einsatz des Immunsuppressivums wird durch die regelmäßige Bestimmung der Blutspiegel dieses Medikaments im Labor überwacht. Dieses labormedizinische Monitoring der Zielspiegel des Medikaments verhindert eine Abstoßungsreaktion bei einer Unterdosierung und eine zu starke Immunsuppression mit drohenden Infektionen bei einer Überdosierung.

Dennoch sind Infektionen auch bei optimaler Einstellung der Medikamentenzielspiegel aufgrund der Immunsuppression bei transplantierten Patienten häufiger. So berichtet Frau D. K., dass bei ihr schon wiederholt Harnwegsinfekte und erhöhte Entzündungsparameter im Labor festgestellt wurden. Die mikrobiologische Labordiagnostik ist dann entscheidend, um die Bakterien im Urin zu entdecken und auch eine Aussage über die Wirksamkeit von Antibiotika zu treffen. Die Labormedizin ist daher auch für den sinnvollen Einsatz der richtigen Antibiotika und die Verhinderung von Antibiotikaresistenzen ein sehr wichtiges Fachgebiet. Denn nicht zuletzt kann mit Hilfe der Labordiagnostik unterschieden werden, ob ein bakterieller oder viraler Infekt vorliegt. Somit können Antibiotika gezielt eingesetzt oder eben auch sinnvoll eingespart werden.

„Wenn meine Laborwerte in Ordnung sind, so beruhigt mich das heute – denn der Laborarzt unterstützt meinen Arzt bei der Entdeckung von Problemen bevor diese bei mir Beschwerden machen.“ so fasst Frau D. K. die Bedeutung der Labormedizin für sie als Patientin zusammen. Auch mit höherem Lebensalter sind Laborwerte wichtig, um ohne großen Aufwand und ohne invasive Maßnahmen und ohne Komplikationsgefahr eine Auskunft über verschiedene Organfunktionen zu erhalten. Auch hierbei gilt es aber eine ärztliche Interpretation der Laborergebnisse im Dialog zwischen Laborarzt und klinisch tätigem Arzt vorzunehmen. Insbesondere um im Interesse des Patienten die richtigen weiteren Schritte im medizinischen Prozess rechtzeitig zu veranlassen, aber auch im Sinne eines „act wisely“ unnötige weitere Schritte zu verhindern.

Professor Dr. Jan Kramer Ärztliche Leitung und Geschäftsführung LADR GmbH, Geschäftsführung ISG Intermed Service GmbH & Co. KG, Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Innere Medizin, Hämostaseologie, Geesthacht
Professor Dr. Jan Kramer
Ärztliche Leitung und Geschäftsführung LADR GmbH, Geschäftsführung
ISG Intermed Service GmbH & Co. KG, Facharzt für
Laboratoriumsmedizin und Innere Medizin, Hämostaseologie,
Geesthacht

Professor Dr. med. Jan Kramer; Facharzt für Innere Medizin, Hämostaseologie, Facharzt für Laboratoriumsmedizin; Ärztliche Leitung LADR Laborverbund, LADR MVZ Dr. Kramer & Kollegen, Geesthacht

(Es gilt das gesprochene Wort!)

http://www.medica.de/

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