Mittwoch, Februar 21, 2024

Hormonelle Antikonzeptiva – so niedrig wie möglich

Hormonelle Antikonzeptiva haben nachhaltig die Welt verändert, indem sie für Frauen und Männern die Sexualität deutlich erleichtert haben.

Der Altösterreicher Carl Djerassi hat die entscheidenden Syntheseschritte für jene Bauteile, die letztendlich zur Entwicklung der Pille geführt hatten, entdeckt. Der sensationelle Wurf, der ihm mit der Synthese des ersten Gestagens gelang, war ihm, und das hat er in seinen Büchern immer wieder betont, anfänglich gar nicht bewusst. Die französische Zeitung »Le Figaro« versuchte weiland im Rahmen einer Umfrage zu evaluieren, was Pariserinnen als die größte Errungenschaft des vergangenen Jahrhunderts ansehen. Ein großer Teil der Befragten erklärte daraufhin, dass Hormonelle Antikonzeptiva – die Möglichkeit zur hormonellen Verhütung in Gestalt der Pille – das Leben der Frauen im letzten Jahrhundert am meisten verändert habe, erst danach wurden technische Entwicklungen wie die Waschmaschine genannt.

 

Hormonelle Antikonzeptiva und ihre gesellschaftliche Bedeutung

Tatsächlich ist die gesellschaftliche Bedeutung der hormonellen Antikonzeptiva weitgehend unterschätzt worden: Die Emanzipation der Frau, die Fähigkeit, ihre Sexualität und ihre Fortpflanzung selbst in die Hand nehmen zu können, aber auch größere Freiheiten auf beruflicher Ebene verdankt man zu einem großen Teil dieser sicheren Form der Empfängnisverhütung.

Leider kamen, wo kleine Risiken hormoneller Methoden medial amplifiziert werden, die wahren Benefizien der Pille und der Hormontherapie im Speziellen zu kurz. Zumal es auch immer wieder – nicht nur von Seiten der Patientinnen – zu groben Verwechslung sowohl der einzelnen Hormonkomponenten, als auch dem Anwendungsgebiet von Antikonzeptiva und Hormonersatztherapie kommt.

Hormonelle Antikonzeptiva – Anti-Baby-Pillen – der ersten Stunde waren mehrheitlich hoch dosiert und nur oral verfügbar. Die Entwicklung auf diesem Gebiet hat rasche Fortschritte gemacht, sodass uns heute Hormone zur Verhütung sowohl intramuskulär, subkutan, intravaginal, intrauterin und als jüngere Entwicklung auch transdermal zur Verfügung stehen.

Die verschiedenen Gestagen-Komponenten und die unterschiedlich hohe Konzentration an Ethinylöstradiol unterscheiden die einzelnen Produkte voneinander. In den letzten 40 Jahren ist es gelungen, die Hormonkonzentration der Pille immer mehr zu reduzieren.

Dementsprechend konnten Forscher neue Gestagen-Komponenten entwickeln. Dies soll aber nicht zu einer ­kritiklosen Verordnung und ­Anwendung verleiten.

 

Antikonzeptiva – Medikamente, keine Lifestyle-Präparate – müssen passen

Antikonzeptiva sind hochwirksame pharmakologische Produkte, die sehr wohl als Medikamente und nicht als Lifestyle-Präparate einzustufen sind. Dementsprechend muss mit der Patientin auch über Nebenwirkungen und Interaktionen gesprochen werden.

Bei einer Pillen-Neueinstellung ist in erster Linie eine genaueste Anamnese zu erheben, sodass man daraus resultierend, ein »passendes« Präparat verordnen kann. Grundsätzlich sollte mit einem möglichst niedrigen Gesamtsteroidanteil begonnen werden.

Das Postulat so niedrig wie möglich gilt nicht nur für die Hormonersatztherapie, sondern auch für orale Antikonzeptiva. Von der Höhe der Ethinylöstradioldosis hängt in erster Linie die Blutungsstabilität, Wassereinlagerungen und auch die ­Gewichtszunahme ab:

Zu Beginn der Pillenanwendung sind es vor allem Zwischenblutungen und Zyklusinstabilitäten, die die Anwenderinnen verunsichern. Dies ist aber meist ein kurzes, sich rasch wieder von selbst lösendes Problem, ohne dass eine ärztliche Intervention notwendig wird.

Manchmal, wenn die Zwischenblutungen auch nach 3 bis 4 Monaten nicht aufgehört haben, ist eine Modifizierung der Pillenverordnung notwendig. Prinzipiell kann man bei Blutungsstörungen, die unter monophasischen Ovulationshemmern auftreten, auf ein Mehrstufenpräparat ausweichen. Damit gelingt es in vielen Fällen, Metrorrhagie und Spottings zu eliminieren.

Die Verkürzung der Pillenpause, aber auch das Verwenden höher dosierter Präparate ist ein weiterer Schritt im Management von Zyklusstörungen unter der Pille. Jedes einzelne Gestagen hat spezielle Partialwirkungen, die wiederum weitere nicht-kontrazeptive Benefits der Pille verursachen. Dazu zählen die Verbesserung des Hautbildes sowie die Linderung von prämenstruellen Beschwerden.

 

Für einzelne hormonelle Antikonzeptiva das Risiko abklären

Es gibt aber auch ganz konkrete Gründe, warum eine Frau hormonelle Antikonzeptiva nicht oder nur bedingt anwenden soll, nämlich dann, wenn Nikotinabusus vorliegt, sie übergewichtig ist oder eine familiäre Thrombose-Neigung gegeben ist. Die Erhebung der Anamnese ist auch bei der Fragestellung nach dem individuellen Thromboserisiko sehr hilfreich.

Wenn die betroffene Frau berichtet, dass sie bereits in jungen Jahren an einer Thrombose litt oder ein Elternteil vor dem 30. Lebensjahr ebenfalls eine Thrombose hatte, so kann dies als sicherer Hinweis dafür gelten, dass die Frau thrombosegefährdet ist und auf eine andere Art der Empfängnisverhütung umsteigen muss. Die aPC-Resistenz-Bestimmung ist eine zusätzliche Information. Diese bietet dem Arzt nebst der Anamnese eine Entscheidungshilfe, ob er die Pille verschreiben soll oder nicht.

Liegt ein pathologischer aPC-Resistenz-Wert vor, ist die Ratio also kleiner als 2,35, so sollte einerseits eine weitere hämatologische Abklärung erfolgen, wenn Verdacht auf Mutation des Gerinnungsfaktors V Leiden besteht. Andererseits sollte der Arzt auf eine Pillenverschreibung verzichten.

 

Pilleneinnahme  wegen Nebenwirkungen beenden

Nebenwirkungen sind häufige Gründe, warum Frauen die Pilleneinnahme beenden. Einen zentralen Stellenwert in der Beratung einer Frau bezüglich hormoneller Kontrazeption nimmt die Klärung und Beantwortung des Themas Gewichtszunahme ein. Für viele Frauen ist die Zunahme des Körpergewichtes, das bei den niedrig dosierten Pillen allerdings kaum zu registrieren ist, ein großes Problem.

Vereinzelt findet man tatsächlich Pilleneinnehmerinnen, bei denen entweder der Appetit steigt oder die Verwertung der Nahrung so amplifiziert ist, dass es tatsächlich zu einer merklichen Gewichtszunahme kommt.

Es empfiehlt sich, diesen Frauen zu raten, während der ersten sechs Wochen der Pilleneinnahme auf das Abendessen zu verzichten. Das bedeutet nicht zu fasten, sondern normal Mittag zu essen und zu frühstücken. Stattdessen sollten sie dafür das Abendessen zu streichen.

Die Anwendung von hormonellen Antikonzeptiva, die der vermehrten Wassereinlagerung entgegenwirken, ist bei manchen Anwenderinnen zu empfehlen.

 

Die optimale Pille

Aus der reichen Palette an möglichen Präparaten ergibt sich im Gespräch mit der Patientin oft die Frage, ob es nicht die maßgeschneiderte Pille für jede Frau gibt. Dazu gibt es nur eine Antwort: Durch das Erheben einer guten Anamnese kann man sich asymptotisch dem Ziel, die persönlich optimale Pille zu verordnen, annähern.

Denn die inter­individuelle Metabolisierung, bedingt durch die zugrundeliegenden genetischen Polymorphismen, begründet bei Frauen eine ausgezeichnete Verträglichkeit oder eben Unverträglichkeit.

Die neueren Entwicklungen auf dem Verhütungsmarkt sind jene Präparate, die vaginal oder transdermal appliziert werden. Dabei kommt es, bedingt durch die stetige Abgabe von Hormonen zu sehr konstanten Hormonserumspiegel.

Dies kann schließlich auch zur besseren Verträglichkeit bei manchen Frauen beitragen. Neueste Präparate wirken sich vorteilhaft auch die Gewichtszunahme aus und verbessern auch das Hautbild.

Eine eigene Klasse in der Familie der hormonellen Kontrazeptiva bilden die reinen Gestagen-Präparate. Deren bevorzugte Indikation ist die Ethinylöstradiol­-Unverträglichkeit. Dazu gehört auch Nikotinabusus bei gleichzeitigem Wunsch nach hormoneller Verhütung sowie in manchen Fällen thromboembolische Ereignisse in der Anamnese.

Postkoitale Verhütung, oder die »Pille danach« ist, wie die Zugriffe auf die gleichnamige Internetseite zeigt, auch von zunehmendem Interesse. Es handelt sich dabei um Gestagen-Präparaten mit relativ hoher Dosierung. Dadurch kommt es bei korrekter Einnahme periovulatorisch zu einem verzögerten LH peak und somit findet keine Ovulation statt.

 

Fazit

Hormonelle Antikonzeptiva bieten die Möglichkeit einer einfachen und sicheren Empfängnisverhütung. Dementsprechend bieten hormonelle Antikonzeptiva unzähligen Frauen eine geordnete und humane Sexualität.

Denn Ärzte dürfen nicht vergessen, dass Sexualität eine der vornehmsten Formen der menschlichen Kommunikation darstellt. Das sollten man immer bedenken. Schließlich ist die hormonelle Kontrazeption DIE Lifestyle-Innovation des 20. Jahrhunderts und hat das Leben der Frauen nachhaltig verändert.


Literatur:

Duncan R, Paterson H, Anderson L, Pickering N. We’re kidding ourselves if we say that contraception is accessible. a qualitative study of general practitioners‘ attitudes towards adolescents‘ use of long-acting reversible contraceptives (LARC). J Prim Health Care. 2019;11(2):138–145. doi:10.1071/HC18105

Guleria S, Thomsen LT, Munk C, Nygård M, Hansen BT, Elfström KM, Arnheim-Dahlström L, Liaw KL, Frederiksen K, Kjær SK. Contraceptive use at first intercourse is associated with subsequent sexual behaviors. Contraception. 2019 Jan 23. pii: S0010-7824(19)30010-1. doi: 10.1016/j.contraception.2018.12.006. [Epub ahead of print]


Quelle: Hormonelle Antikonzeptiva – »So niedrig wie möglich…«. Univ.-Prof. Dr. Doris Gruber. MEDMIX 6/2007

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