Dienstag, Juni 18, 2024

Struma und Kropf: Ein Wiederaufleben?

Nach Jahrzehnten der Einführung der Jodsalzprophylaxe ist in den letzten Jahren das Risiko für Struma und Kropf bei Kindern wieder gestiegen.

In den letzten Jahren haben Nuklearmediziner in Österreich eine leichte, aber signifikante Zunahme der Häufigkeit von Struma und Kropf bei Schulkindern festgestellt, obwohl vor Jahrzehnten die Jodsalzprophylaxe eingeführt wurde. Gleichzeitig wurde eine täglich niedrige Jodausscheidung von weit unter 100 μg Jod beobachtet.

 

Was könnten die Ursachen dafür sein?

Die Lebensmittelindustrie, insbesondere Hersteller von Brot, Back- und Wurstwaren, verwendete kein jodiertes Salz, um seltene Färbeaktionen (Blaufärbung) zu vermeiden. Dadurch beschränkte sich die Jodsalzprophylaxe hauptsächlich auf die Zusatzsalzmengen im Haushalt. Bei einem täglichen Salzkonsum von 4 g bedeutete das nur etwa 30 μg Jod. Aufgrund ärztlicher Empfehlungen ging der tägliche Salzkonsum jedoch stark zurück.

Zudem wurde zunehmend Meersalz verwendet, das nur sehr wenig Jod enthält (0,1–7 mg/kg), da das Jod beim Verdampfen des Wassers in den Sudpfannen verloren geht. In Ländern wie Italien, Spanien und Frankreich wird daher künstlich jodiertes Meersalz angeboten. Auch in Österreich wird nun künstlich jodiertes Meersalz in Reformhäusern und neuerdings auch in Supermärkten verkauft.

Experten propagierten daher erfolgreich die Zufuhr jodhaltiger Nahrungsmittel wie Meeresprodukte, Kiwi und Weichselsirup sowie jodhaltiger Mineralwässer und Vitaminpräparate. Dadurch konnten wir die Jodausscheidung unserer Patienten schon vor der gesetzlichen Erhöhung der Salzjodierung auf über 100 μg pro Tag anheben.

Im Jahr 1977 wurde per Futtermittelverordnung der Jodzusatz zu Viehsalz auf 30–76 mg (≈ 60 mg Kaliumjodid) pro kg Salz erhöht. 1990 wurde die gesetzliche Salzjodierung auf 20 mg Kaliumjodid pro kg Salz angehoben, was zu einer erhöhten durchschnittlichen Harnjodausscheidung von 140 μg Jod pro Gramm Kreatinin führte. Dadurch ist Österreich kein Jodmangelland mehr. Es ist jedoch zu hoffen, dass durch die EU und den Wegfall des Salzmonopols nicht wieder vermehrt jodarme Haushaltssalze in Supermärkten angeboten werden.

 

Auf eine ausreichende Jodzufuhr durch die Ernährung achten

Trotz optimaler Jodsalzprophylaxe ist bei Kindern und Schwangeren auf eine ausreichende Jodzufuhr durch die Ernährung zu achten, da diese Gruppen wenig Salz zu sich nehmen und daher nur marginal mit Jod versorgt werden.

Jodhaltige Mineralwässer, österreichische Eistees, Kiwi (ca. 80 μg Jod pro Frucht) und Meeresprodukte wie Fischstäbchen sollten in deren Speiseplan integriert werden. Schwangere benötigen etwa 250 μg Jod täglich, da sie vermehrt Jod über den Harn ausscheiden und mehr Thyroxin synthetisieren müssen.

Dies ist notwendig, um das Thyroxin-Depot im Blut aufzufüllen und genügend Thyroxin für den Stoffwechsel der fetoplazentaren Einheit bereitzustellen. Das mütterliche Thyroxin ist für die frühfetale Hirnentwicklung entscheidend, da die fetale Schilddrüse erst ab der 18. Schwangerschaftswoche eigenes Thyroxin produzieren kann. Bis dahin ist der Fötus auf das Thyroxin der Mutter angewiesen.

Während der Schwangerschaft sollte eine Jodüberladung vermieden werden, da hohe Joddosen die fetale Schilddrüsenhormonsynthese hemmen können, was zu neonatalem Kropf oder einer Unterfunktion führen kann. Auch in der Stillperiode benötigt die Mutter mehr Jod, da die laktierende Brustdrüse Jod anreichert. Im Falle eines Reaktorunfalls kann das zu einer erhöhten Strahlenbelastung für Säuglinge führen, da radioaktives Jod in der Muttermilch konzentriert wird. Daher ist es wichtig, eine ausreichende Jodversorgung sicherzustellen.

 

Historischer Kontext zu Struma und Kropf

Schon in der Antike wurde die Zunahme des Halsumfangs als Schwangerschaftstest genutzt. Auch heute gilt es, durch gezielte Beratung eine ausreichende Jodversorgung für gefährdete Gruppen wie Schwangere, Stillende, Säuglinge und Kleinkinder sicherzustellen.

In Dänemark wurde 1993 nachgewiesen, dass Schwangere ohne zusätzliche Jodgaben eine deutliche Vergrößerung ihres Schilddrüsenvolumens zeigen.

Daher ist es wichtig, diese Gruppen durch intensivere Beratung und vermehrten Verzehr von Meeresprodukten, jodhaltigem Mineralwasser und Kiwi ausreichend mit Jod zu versorgen, um das Risiko für Struma und Kropf zu vermeiden.


Literatur:

Chaker L, Cooper DS, Walsh JP, Peeters RP. Hyperthyroidism. Lancet. 2024 Feb 24;403(10428):768-780. doi: 10.1016/S0140-6736(23)02016-0. Epub 2024 Jan 23. PMID: 38278171.

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