Dienstag, Oktober 3, 2023

Angst nach dem Anschlag von Berlin

Sozialpsychologe Prof. Dr. Immo Fritsche zur Angst nach dem Anschlag von Berlin zur wachsenden Verunsicherung in der Bevölkerung.

Nach dem Anschlag von Berlin auf einen Weihnachtsmarkt, bei dem am Montagabend 12 Menschen starben, wächst die Verunsicherung in der Bevölkerung. Welche Folgen könnte das Attentat für das soziale Verhalten der Deutschen haben? Wie sollten sie mit ihrer Angst umgehen? – Immo Fritsche, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Leipzig, gibt Antworten auf diese Fragen.

 

1. Welche Folgen könnte der Anschlag von Berlin auf dem Weihnachtsmarkt für das soziale Verhalten der Deutschen haben?

Fritsche: Terroristische Anschläge haben das Potenzial, Menschen in ihren psychischen Grundbedürfnissen zu erschüttern. Dagegen müssen sie sich schützen. Aus der Forschung – insbesondere nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 – wissen wir, dass dies zu zwei unterschiedlichen Arten von Effekten führt, die entweder bewusst und scheinbar zweckrational sind oder die ohne unsere bewusste Steuerung ablaufen. Als scheinbar zweckrationale Reaktionen steigen die Zustimmung zu politischen Projekten, von denen wir uns Terrorabwehr versprechen, oft auf Kosten bürgerlicher Freiheiten. Gleichzeitig verändern sich die Stereotype über Gruppen, die scheinbar als Täter in Frage kommen – zum Beispiel Muslime – was zu verdeckter oder offener Diskriminierung dieser Gruppen führen kann. Ein trauriges Beispiel ist die Forderung aus dem jüngsten US-Wahlkampf nach einem Einreisestopp für Muslime.

Andere Reaktionen laufen unbewusst ab und scheinen zunächst in keinem inhaltlichen Zusammenhang zu terroristischer Bedrohung zu stehen. Sie gehen darauf zurück, dass unser „seelisches Abwehrsystem“ darauf eingestellt ist, unsere wahrgenommene Handlungsfähigkeit in Situationen persönlichen Hilflosigkeitserlebens wieder herzustellen. Der wohlmöglich wichtigste dieser Mechanismen der seelischen Bedrohungsabwehr ist das Aufsuchen und Herstellen von Gemeinschaft mit Anderen. Unter Bedrohung betonen Menschen ihre Zugehörigkeit zu Gruppen und orientieren sich an deren Regeln und Normen. Tatsächlich findet sich diese Tendenz auch unter Terrorbedrohung. In überwiegend experimentellen Studien führte die Vorstellung, persönlich von Terrorismus bedroht zu sein zu allgemeinen ethnozentrischen und autoritären Reaktionen: Terroristische Bedrohung erhöhte die Identifikation mit eigenen Gruppen – zum Beispiel eigene Nation, eigene Universität sowie die Neigung, Gesetzesverstöße und soziale Abweichung jedweder Art härter zu bestrafen und führte zu feindseligeren Einstellungen gegenüber Fremdgruppen.

2. Die Täter haben bewusst die deutsche Hauptstadt und dort einen Weihnachtsmarkt, der quasi zum deutschen Kulturgut zählt, für den Anschlag ausgewählt. Was, denken Sie, können die Menschen nun gerade so kurz vor dem Fest gegen ihre Angst tun?

Fritsche: Terroristische Anschläge zielen auf unsere gefühlte Bedrohung. Der IS tötet nicht nur, sondern richtet bestialisch hin. Anschläge finden an Orten statt, die viele Menschen kennen und besuchen. Nicht nur, um möglichst vielen vor Ort zu schaden, sondern vor allem deshalb, weil wir uns alle sehr gut vorstellen können, einmal selbst an diesem Ort – und damit Anschlagsopfer – zu sein. Gleichzeitig erscheint es unmöglich, sich als
Einzelperson vor Anschlägen zu schützen oder sie zu verhindern, da die konkreten Opfer oft zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort sind und die Täter verdeckt handeln. Soweit zur Selbstinszenierung des Terrorismus. Faktisch erhöht der Anschlag von Berlin – und auch die anderen traurigen Attacken in diesem Jahr – die Bedrohung des Einzelnen nicht in bedeutsamer Weise. Nach wie vor ist es überhaupt kein Vergleich zwischen dem Risiko, im täglichen Straßenverkehr zu Schaden zu kommen und jenem, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Das wissen wir eigentlich auch, müssen uns nur wieder daran erinnern. Gleichzeitig ist der Terrorismus ja nicht so unkontrollierbar, wie dessen Protagonisten uns wahr machen möchten. Das zeigen die zahlreichen bereits im Vorfeld durch die Sicherheitsbehörden verhinderten Anschläge. Terroristen kommen eben nicht aus dem sozialen Vakuum.

3. Was sollte passieren, damit diese Angst nicht noch größer wird und rechte Gruppierungen sie nicht für ihre Zwecke ausnutzen?

Fritsche: Terroristen sind Konfliktprofis. Ihr Ziel ist es, Konflikte zwischen Gruppen zu schüren oder erst entstehen zu lassen. Es geht um „Wir“ gegen „Die“, sagen wir um „Die Muslime“ gegen „Das Abendland“. Und tatsächlich zeigen unsere sozialpsychologischen Studien, dass Terrorbedrohung dazu führt, dass Menschen verstärkt ethnozentrisch – also in Gruppen – denken und handeln. Trotzdem ist es keine Zwangsläufigkeit, dass in bedrohten Gesellschaften Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit zunehmen und Rechtspopulisten profitieren.

An der Universität Leipzig untersuchen wir dies in aktuellen Studien. Hier zeigt sich, dass Terrorbedrohung auch zu einer erhöhten Handlungsbereitschaft für Demokratie, Menschenrechte und Offenheit gegenüber Fremden führen kann. So haben wir Leipziger Studierende unmittelbar nach den Terroranschlägen auf den Pariser Club Bataclan sowohl nach ihrem persönlichen Bedrohungsgefühl als auch nach ihrer Bereitschaft gefragt, sich gegen die islamfeindliche Legida-Bewegung zu engagieren, beispielsweise durch Demonstrationsteilnahme. Tatsächlich waren die Studierenden umso mehr dazu bereit, je stärker sie sich durch Terroranschläge bedroht fühlten. Dieser Effekt trat vor allem bei jenen Teilnehmenden auf, die den Eindruck hatten, dass die Leipziger Studierenden mehrheitlich gegen Legida eingestellt sind. Weitere – experimentelle – Studien bestätigen dieses Muster.

Ob der Berliner Terroranschlag die Gesellschaft spaltet oder eint, hängt also im Wesentlichen von zwei Faktoren ab:

  1. Gelingt es, die plastischen Bedrohungsbilder an der tatsächlich wenig geänderten persönlichen Bedrohungslage zu relativen?
  2. Definieren wir das „Wir“ als eines, das nicht ethnisch oder religiös definiert ist, sondern alle Demokratinnen und Demokraten den Totalitären gegenüberstellt?

Dazu gehören dann selbstverständlich auch – und gerade – die aus ihrer Heimat vertriebenen Protagonisten einer vorerst gescheiterten demokratischen-säkularen Arabischen Revolution. Hier steht jede und jeder Einzelne im Alltag in vorderster Reihe. Wir Demokraten – die hier geborenen und die vertriebenen gleich welcher Religion – sollten in den nächsten Tagen gemeinsam die Weihnachtsmärkte besuchen.

Quelle: www.uni-leipzig.de/~psycho

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