Sonntag, Januar 18, 2026

Höhenschwindel betrifft jeden Vierten und gab es schon immer

Etwa jeder Vierte kennt das Höhenschwindel-Phänomen und erlebt es mindestens einmal im Leben. Dabei leiden darunter Frauen etwas häufiger als Männer.

Wenn jemand ein Balkon zu hoch ist, ein Ausflug auf den Fernsehturm nicht machbar ist, oder wenn eine Bergtour unweigerlich an einer steilen Stelle abgebrochen werden muss, dann leidet die Person unter Höhenschwindel. Dieser ist häufiger und belastender als gemeinhin angenommen.



 

Höhenschwindel – eine archaische Angstreaktion

Jedenfalls findet sich bereits im sogenannten Corpus Hippocraticum eine lebendige Beschreibung der Symptome von Höhenschwindel. Die Corpus Hippocraticum ist eine Sammlung antiker medizinischer Texte aus dem fünften Jahrhundert v. Chr.. Weitere Beobachtungen sind in römischen Berichten zur Erstürmung der hohen Stadtmauern Karthagos sowie zur Alpen-Überquerung Hannibals anzutreffen. Auch im Huang Di Nei Jing, einem der ältesten Standardwerke der chinesischen Medizin, werden die Symptome ausführlich dargestellt und mögliche Ursachen diskutiert.

Der Höhenschwindel ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Heute ist die Forschung auf einem guten Weg, Therapien zu entwickeln, die auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament stehen. Bis dahin muss das Gehirn der Betroffenen mit Verhaltenstherapie und kleinen Tricks im Alltag überlistet werden.

 

Visuelle Höhenintoleranz

Im Grunde genommen kennt etwa jeder vierte Mensch das von Forschern visuelle Höhenintoleranz genannte Höhenschwindel-Phänomen. Die Menschen erleben es mindestens einmal im Leben, wobei Frauen etwas häufiger als Männer darunter leiden.

Zwar weiß man, dass rund vier Prozent der Bevölkerung an einer phobischen Höhenangst leiden, also an einer echten Erkrankung. Neu ist aber, dass 28 Prozent von der visuellen Höhenintoleranz – dem Höhenschwindel – betroffen sind.

Und bei rund der Hälfte dieser Personen beeinträchtigt dieses Symptom sogar ihr Verhalten und ihre Lebensqualität. Dann nehmen Betroffene durch Höhenschwindel ihre Umwelt nur noch eingeschränkt wahr, der Gang ist unsicher und die Sturzgefahr wächst. Trotz der weiten Verbreitung gibt es aber bisher nur wenige experimentelle Untersuchungen zum Höhenschwindel.



 

Im Jugendalter beginnend

Viele Menschen, die einen Höhenschwindel erleben, schränken danach ihre körperlichen Aktivitäten so ein, dass ihnen das unangenehme Gefühl erspart bleibt. Meistens beginnt der Höhenschwindel erst im zweiten Lebensjahrzehnt, kann dann aber das ganze Leben lang bestehen. In mehr als der Hälfte der Fälle verschlimmert sich das Phänomen über die Jahre.

Oft gibt es einen Auslöserreiz. Am häufigsten ist es das Besteigen eines Turms, am zweithäufigsten das Erklimmen einer Leiter, gefolgt von einer Bergwanderung. Etwa 30 Prozent der Betroffenen machen diese Erfahrung im zweiten Lebensjahrzehnt. Nur elf Prozent der Betroffenen mit Höhenschwindel suchen aber einen Arzt auf.

 

Höhenschwindel mit modernen Methoden erforschen

Was bei Höhenschwindel im Körper vor sich geht, untersuchten Forscher unlängst mit einem mobilen Augenbewegungsmesssystem mit einer zusätzlichen Kamera und Sensoren, die die Kopfbeschleunigung erfassen.

Dabei zeigte sich, dass anfällige Personen dazu neigen, den Blick auf den Horizont zu richten. Sie führen weniger Augenbewegungen zur Erkundung der Umgebung aus, vor allem wird der Kopf in allen Ebenen deutlich weniger bewegt. Der Gang ist deutlich verlangsamt, kleinschrittig und vorsichtig. Durch die eingeschränkten Blickbewegungen kann sich auf unebenem Terrain die reale Fallgefahr erhöhen, wenn Hindernisse übersehen werden.

Schließlich sollen weitere Experimente mit natürlicher als auch virtueller Höhenreizung helfen, neue Therapien zu entwickeln. Denn wirksame Medikamente gibt es bisher nicht.




Quelle:

„Höhenschwindel – eine archaische Angstreaktion“, Festrede von Professor Dr. Thomas Brandt
am 86. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, September 2013, Dresden

https://www.dgn.org


Literatur:

Huppert D, Grill E, Brandt T. Down on heights? One in three has visual height intolerance. J Neurol. 2013 Feb;260(2):597-604.

Schäffler F, et al. Consequences of visual height intolerance for quality of life: a qualitative study. Qual Life Res. 2013 Aug 22.

Huppert D, Benson J, Krammling B, Brandt T. Fear of heights in Roman antiquity and mythology. J Neurol. 2013 Sep;260(9):2430-2.

Bauer M, Huppert D, Brandt T. Fear of heights in ancient China. J Neurol. 2012 Oct;259(10):2223-5.

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