Montag, Juli 15, 2024

Akute unspezifische Rückenschmerzen behandeln, Angst davor vermeiden

Viele Patienten können akute unspezifische Rückenschmerzen gut mit Schmerzmitteln behandeln, wobei Betroffene nicht zu viel Angst vor neuerlichen Schmerzen haben sollten.

Im Grunde genommen zählen Kreuzschmerzen oder Rückenschmerzen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen in unseren Breiten, die sehr hohe Kosten verursachen. Beispielsweise stellen Kreuzschmerzen den häufigsten Grund dafür dar, dass Personen unter 45 Jahren verschiedene Tätigkeiten im Alltag nicht mehr machen können. Wobei akute unspezifische Rückenschmerzen allerdings normalerweise überaus gut verlaufen. Leider ist aber auch die Rückfallquote sehr hoch. Unter dem Strich sollten betroffene Menschen jedenfalls keine Angst vor erneuten Rückenschmerzen treiben lassen. Denn man kann die Kreuzschmerzen ja meistens gut behandeln. Neben krankheitsbedingten Ursachen gibt es übrigens auch psychologische Faktoren, die insbesondere bei der Entwicklung von chronischen Rückenschmerzen eine wichtige Rolle spielen.

 

Diagnose akute unspezifischen Kreuzschmerzen: Ursachen und Therapie

In der Diagnostik von Kreuzschmerzen spielt die Anamnese eine herausragende Rolle. Zunächst ist festzustellen, ob ein akutes (bis 6 Wochen), subakutes (6 bis 12 Wochen) oder chronisches (über 12 Wochen) Schmerz­bild vorliegt. Diese Zeitangaben sind nicht als scharfe Grenzen zu betrachten, vielmehr sind beträchtliche individuelle Unterschiede im Laufe des Chronifizierungsprozesses gegeben.

Im nächsten Schritt sind Hinweise auf spezifische Formen von Kreuzschmerzen, so genannten »Red Flags«, festzustellen. Zu diesen spezifischen Formen von Kreuzschmerzen zählen Kreuzschmerzen auf Basis eines Tumors, eines entzündlichen Geschehens, nach Trauma, im Rahmen eines Nervenwurzel- oder eines Cauda equina-Syndroms sowie schwere Pathomorphologien und Skelettsystemerkrankungen. Alarmierende Symptome für Kreuzschmerzen infolge eines Tumors wären zum Beispiel eine Tumoranamnese, Gewichtsabnahme und Nachtschmerzen.

Der zweite Teil der Diagnostik – die klinische Untersuchung – zielt insbesondere auf neurologische Ausfälle (Zeichen einer Radikolopathie, wie Reflexdifferenzen und einer Nervenwurzel entsprechende motorische und/oder sensible Defizite) und auf funktionelle Störungen der Gelenke und der Muskulatur ab. Spezifische Formen von Kreuzschmerzen sind gemäß der Grunderkrankung zu behandeln.

 

Erste Maßnahme: ­Ausführliche Information

Erste Maßnahme beim Vorliegen eines akuten unspezifischen Kreuzschmerzes ist die ausführliche Information über die Natur des Symptoms. Das heißt:

– Der Patient ist darüber aufzuklären, dass seinen Schmerzen keine schwere oder gar gefährliche Erkrankung zugrunde liegt, sondern er an Kreuzschmerzen leidet, die sehr häufig vorkommen und in der Regel auch einen sehr guten Verlauf nehmen.

– Der Patient ist darüber zu informieren, dass sich herausgestellt hat, dass der Beschwerdeverlauf besser ist, wenn die gewohnten Alltagsaktivitäten einschließlich der Arbeit möglichst beibehalten werden.

– Es ist keine Bettruhe als Behandlung zu verschreiben.

– Gemäß der Schmerzintensität auf der visuellen Analogskala sind Schmerzmittel in regelmäßigen Abständen zu verordnen.

– Hinsichtlich der Manualtherapie finden sich in der Literatur unterschiedliche Ansichten. Persönlich halte ich die Anwendung adäquater Techniken bei bestehendem pathologischem Funktionsbefund für angezeigt.

 

Psychologische Faktoren: bei chronischen Kreuzschmerzen zu viel Angst vermeiden

Von Seiten des Therapeuten ist möglichst frühzeitig zu erkennen, ob psychosoziale Faktoren vorliegen, die chronische Kreuzschmerzen begünstigen.  neben der Schmerzchronifizierung auch die Gefahr für Funktionsbeeinträchtigungen, Krankenstände und Arbeitslosigkeit in sich bergen.

Zu diesen psychosozialen Faktoren zählen Patienten(fehl-)vorstellungen und unzuträgliche Schmerzbewältigungsstrategien. Wie zum Beispiel, dass Kreuzschmerzen gefährlich, ohne Besserungschance und schicksalshaft sind, sodass man selbst nichts zu dessen Überwindung beitragen könne.

Besonders gefährdet sind Patienten mit Angst und Vermeidungsverhalten. Denn bei ihnen hat sich die Erfahrung aus der Zeit, in der sie akute Schmerzen hatten, massiv eingeprägt. Und sie erinnern sich, dass das Vermeiden von bestimmten Aktivitäten zunächst zu einer Schmerzerleichterung führte.

Sie reagieren dann aber mit Angst vor Bewegung und schließlich vor jeglicher körperlicher Aktivität. In der Folge kommt es sehr bald zum Dekonditionierungssyndrom, d.h. zur Verminderung der Muskelkraft und Ausdauerleistung, aber auch der Koordination und allgemeinen Fitness.

Weiters gilt es, eine Tendenz zur schlechten Stimmungslage rechtzeitig zu erkennen und dieser entgegenzusteuern, damit sich diese nicht zusätzlich infolge der Schmerzen reaktiv verstärkt.

 

Wenn der Beruf akute unspezifische Rückenschmerzen verursacht

Da überwiegend Erwachsene im arbeitsfähigen Alter unter akuten unspezifischen sowie chronischen Rückenschmerzen leiden, beeinträchtigen diese gleichzeitig deren Arbeitsfähigkeit. Viele Menschen vermuten man sehr oft, dass durch ihre Arbeit die Kreuzschmerzen verursacht werden. Als soziale Chronifizierungsfaktoren sind der Wunsch nach vermehrter sozialer Zuwendung in der Familie und am Arbeitsplatz sowie die Gewährung von Sozialleistungen anzuführen.

Dazu wurde festgestellt, dass physisch belastende Arbeit Kreuzschmerzattacken begünstigen kann und manche Berufe ein höheres Risiko aufweisen, aber insgesamt die physische Belastung bei der Arbeit nur für einen mäßigen Anteil für Kreuzschmerzen unter den arbeitenden Personen verantwortlich ist.

Die Beziehung zwischen physischer Belastung und Beruf ist komplex und inkonsistent. Berufstätige mit Kreuzschmerzen in schweren manuellen Berufen berichten über mehr Symptome. Allerdings haben auch sehr viele Personen in leichten Berufen oder sogar jene, die nicht arbeiten, durchaus ähnliche Symptome.

Ob Kreuzschmerzsymptome auf Arbeit zurückzuführen sind und ob sie Grund sind, dass therapeutische Einrichtungen aufgesucht werden oder Krankenstand genommen wird, hängt unter anderem von arbeitsorganisatorischen Faktoren ab, welche die Arbeitszu­friedenheit beeinflussen.

In der Familie kann es bedeutend sein, in welcher Art auf die Kreuzschmerzen des Partners oder Familienmitglieds reagiert wird. In fortgeschritteneren Phasen der Erkrankung kann die ­Familie auch betroffen sein. Wenn beispielsweise durch gehäufte Krankenstände der Arbeitsplatz und damit das Familieneinkommen gefährdet werden.

 

Therapie von fortgeschrittenen chronischen Kreuzschmerzen

Je weiter der Chronifizierungsprozess der Kreuzschmerzen fortgeschritten ist, desto zwingender sind zur erfolgreichen Behandlung multimodale Therapieprogramme erforderlich. Das heisst, dass die Schmerzen mit negativen psychosozialen Faktoren verbunden sind, die dann Funktionsbeeinträchtigungen im täglichen Leben und eine gestörte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verursachen. Diese Programme sollen zumindest drei Hauptelemente abdecken.

  • Wenn psychosoziale Faktoren den Patienten belasten, dann helfen vor allem Methoden der Verhaltenstherapie.
  • Wichtig ist, dass man physiotherapeutisch auf die individuellen Defizite des Patienten eingeht. Hierzu muss man die Beweglichkeit, die Kraft, die Ausdauer und die Schnelligkeit sowie Sensomotorik und allgemeine Fitness trainieren. In der zweiten Phase sollte man das auch in sportlicher Weise ausrichten.
  • Auf die gestörte Arbeits­situa­tion wird mit individuell ­arbeits­simulierenden Übungen (work hardening) reagiert.

Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen sollten jedenfalls interdisziplinär betreut werden. Das heisst, dass Spezialisten aus mehreren medizinischen Fachdisziplinen in Team­arbeit zusammenarbeiten.

 

Die richtigen Schmerzmittel ­gegen akute unspezifische Rückenschmerzen verwenden

Als Schmerzmedikation kommen im chronischen Stadium einerseits klassische Schmerzmittel wie NSAR und Opioide zum Einsatz. Andererseits ergänzen auch Antidepressiva als Coanalgetika die Therapie. Zudem kommen auch Medikamente aus der Palette der modernen Schmerzmittel gegen neuropathischen Schmerz zum Einsatz. Und zwar, wenn eine neuropathische Komponente gegeben ist.

Damit die richtigen Schmerzmittel ­zum Einsatz kommen, ist von großem Vorteil, wenn der Arzt die Unverträglichkeiten seines Patienten kennt. Wenn der Patient auf der visuellen Analogskala stärkere Schmerzen angibt, so verliert man nur unnötig Zeit, wenn man sich entsprechend des WHO-Stufenplans von unten, den schwächsten Schmerzmittel, hocharbeitet.

Der Therapeut sollte auch versuchen einzuschätzen, inwieweit neben der Linderung der Schmerzen auch eine Wirkung gegen eine mögliche Entzündung erwünscht ist. Jedenfalls helfen Schmerzmittel dem Patienten, seine Alltagsaktivitäten möglichst unbeeinträchtigt beibehalten zu können. Und zudem sollte man ein Angst geprägtes Vermeidungsverhalten gar nicht aufkommen zu lassen.

Wenn man dann akute unspezifische Kreuzschmerzen erfolgreich behandeln konnte, dann sollten Arzt und Patient effektive Maßnahmen besprechen, der Sekundärprävention empfohlen werden. Es sind dies Maßnahmen, welche das Risiko des Rezidivs und letztlich der Chronifizierung vermindern sollen.

 

Lebenszeitprävalenz Rückenschmerzen

Die Lebenszeitprävalenz von Rückenschmerzen gibt jene Prozentzahl von Menschen einer definierten Population wieder, die im Leben mindestens einmal Kreuzschmerzen hatten. In den meisten Studien der Allgemeinbevölkerung von Industriestaaten beträgt die Lebenszeitprävalenz bis zu 85%.

Unterschiedliche Fragestellung, Erinnerungsvermögen der Befragten und Definition des Symptoms »Kreuzschmerzen« führen zu unterschiedlichen Prävalenzangaben. Unter dem Strich liegt die Zahl derer, die wegen ihrer Kreuzschmerzen Behandlung suchten oder sich gar wegen Rückenschmerzen im Krankenstand befanden, deutlich unter der Angabe der Lebenszeitprävalenz. Allerdings kommen vor allem unspezifische akute Kreuzschmerzen dennoch die häufigsten Schmerzen des Bewegungsapparats.

 

Wirtschaftliche Auswirkungen

Neben dem großen Leid der Betroffenen liegt die Bedeutung von Kreuzschmerzen auch auf wirtschaftlicher Ebene. Die Kosten von Kreuzschmerzen betragen 0,8 bis 2,1% des Bruttoinlands­produkts von Industriestaaten, wobei die indirekten Kosten den weitaus größten Anteil ausmachen.

Alle spezifischen Formen von Kreuzschmerzen zusammen stehen mit nur etwa 15% Anteil der Mehrzahl der Kreuzschmerzen gegenüber, die man als unspezifische bezeichnet.

 

Fazit

Behandlungsleitlinien stellen wertvolle Orientierungshilfen bei der Betreuung von chronischen und akuten unspezifischen Rückenschmerzen auf der Basis der »evidence based medicine« dar. Im Einzelfall bleibt es aber der Kunst des Therapeuten überlassen, Patienten mit akuten unspezifischen Rückenschmerzen möglichst nicht zu sehr zu »medizinalisieren«. Sondern man sollte die Patienten vor einer Überängstlichkeit befreien und sie zur Eigenverantwortlichkeit motivieren.

Bei Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen sollte man hingegen im vollen Ausmaß zusätzlich interdisziplinär behandeln. Nur das ermöglicht es, dass man die gestörten Funktionen des Körpers einschließlich der Arbeitsfähigkeit wieder erlangen kann.


Literatur:

Flothow A, Zeh A, Nienhaus A. Unspezifische Rückenschmerzen – Grundlagen und Interventionsmöglichkeiten aus psychologischer Sicht [Unspecific back pain – basic principles and possibilities for intervention from a psychological point of view]. Gesundheitswesen. 2009 Dec;71(12):845-56. German. doi: 10.1055/s-0029-1192028. Epub 2009 Jun 23. PMID: 19551623.


Quellen:

Unspezifische Kreuzschmerzen. Prim. Doz. Dr. Martin Friedrich. MEDMIX 01–02/2006

http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-007.html

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