Samstag, Juli 6, 2024

Unspezifische Kreuzschmerzen – aktualisierte Leitlinien

Unspezifische Kreuzschmerzen können von akuten Beschwerden ausgehend zu einem chronischen oder häufig wiederkehrenden Leiden werden.

Unspezifische Kreuzschmerzen stellen ein extrem häufig vorkommendes und teilweise die Betroffenen extrem belastendes Gesundheitsproblem dar. Die seit 2007 bestehende österreichische Leitlinie liegt jetzt in der dritten überarbeiteten Fassung vor.

 

Unspezifische Kreuzschmerzen – Leitlinie gründlich überarbeitet

Elf österreichische medizinische Fachgesellschaften haben unter der Patronanz des Gesundheitsministeriums und mit Beteiligung der Österreichischen Ärztekammer die Eckpunkte zu Diagnose, Therapie und Prävention für akute, subakute, chronische und wiederkehrende unspezifische Kreuzschmerzen festgelegt. Dazu haben die Experten die aktualisierte Leitlinie auch mit der derzeit vorliegenden Evidenz erweitert.

Die neue Leitlinie soll vor allem der Qualitätssicherung in der Versorgung der Patienten dienen. Ziel ist eine schnelle und zielführende Diagnostik unter Vermeidung unnötigen technischen Aufwandes und eine effektive und individuell maßgeschneiderte Behandlung.

 

Unspezifische Kreuzschmerzen sind sehr häufig, aber meist nicht gefährlich

Unspezifische Kreuzschmerzen verlaufen in den meisten Fällen nicht gefährlich. Aus der Krankheitsgeschichte und körperlicher Untersuchung ergeben sich meist auch keine andere ernstzunehmende Ursachen, wie beispielsweise bösartige Erkrankungen sowie Frakturen.

Bei Erwachsenen beträgt die Punktprävalenz, also die Häufigkeit zu einem beliebigen Zeitpunkt, zwölf bis 30 Prozent. Im Laufe des Lebens haben 60 bis 85 Prozent der Menschen eine derartige Episode. Die Rückfallrate beträgt innerhalb von zwölf Monaten 20 bis 73 Prozent. Nach einer ersten Episode kommt es im Laufe der weiteren Lebenszeit bei bis zu 85 Prozent der Betroffenen zu einem neuerlichen Auftreten von Symptomen.

 

Unspezifische Kreuzschmerzen haben viele Ursachen und Symptomen, Beschwerden sowie Verlaufsformen

Prinzipiell werden unspezifische Kreuzschmerzen als Schmerzen unterhalb des Rippenbogens und oberhalb der Gesäßfalten mit oder ohne Ausstrahlung ins Bein definiert. Dabei können sie unterschiedliche Ursachen haben. Begleitend können weitere Beschwerden auftreten, es handelt sich dabei um ein Bündel von gesundheitlichen Problemen. Unspezifische Kreuzschmerzen unterscheiden sich durch die Ursache, die Dauer, dem Schweregrad und sowie dem Chronifizierungsstadium.

Grundsätzlich unterscheidet man akute und subakute sowie chronische Kreuzschmerzen nach der Dauer bestehender Symptome. Bei akuten Kreuzschmerzen beträgt die Schmerzdauer ein bis vier Wochen. Weiters spricht man von subakuten Kreuzschmerzen, wenn die Schmerzen fünf bis zwölf Wochen anhalten. Schließlich leiden jene Betroffene an chronischen Kreuzschmerzen, wenn die Schmerzen länger als zwölf Wochen oder episodisch innerhalb von sechs Monaten auftreten.

Akute rezidivierende Kreuzschmerzen liegen vor, wenn eine neue Episode nach sechs Monaten Symptomfreiheit auftritt. Hingegen spricht man von chronisch rezidivierenden Kreuzschmerzen, wenn eine neue Episode innerhalb eines Jahres nach Symptomfreiheit auftritt.

Unlängst konnte eine Meta-Analyse von elf Studien mit mehr als 3.100 Patienten nachweisen, dass lediglich 33 Prozent der Patienten mit akuten Kreuzschmerzen innerhalb von drei Monaten eine spontane Genesung erfahren. Hingegen klagen 65 Prozent der Patienten auch noch nach einem Jahr über die Beschwerden.

 

Unspezifische Kreuzschmerzen verursachen eine hohe ökonomische Belastung

Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen die enormen gesundheitlichen und ökonomischen Belastungen, die unspezifische Kreuzschmerzen verursachen. Demnach gehen etwa 20 Prozent der Arbeitnehmer mit unspezifischen Kreuzschmerzen für sechs Monate oder länger in Krankenstand. Im Detail betrachtet nehmen 68 Prozent innerhalb von einem Monat und 85 Prozent innerhalb von sechs Monaten sowie 93 Prozent nach sechs Monaten ihre Arbeit wieder auf. Grundsätzlich sind Rückenschmerzen der Grund für rund 20 Prozent der Krankenstände.

 

Bio-psycho-soziales Modell eines Krankheitsbildes

Wie auch bereits bisher soll das Update der bestehenden österreichische Leitlinie von einem bio-psycho-sozialen Modell für Entstehung und Verlauf des unspezifischen Kreuzschmerzes ausgehen. Dazu wird auch auf die Risikofaktoren für die Chronifizierung des Krankheitsbildes Rücksicht genommen. Dazu gehören beispielweise psychosoziale Faktoren wie Depressivität, negativer Stress, individuelles Verhalten in der Schmerzbewältigung, arbeitsplatzbezogene Risikofaktoren (z.B. Schwerarbeit, monotone Körperhaltungen, aber auch Arbeitsplatzverlust, Ängste) und andere Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Übergewicht, geringe körperliche Kondition, Alkohol etc.

 

Behandlungsziel: Wiedererlangung der Aktivität

Durch die Behandlung ihrer unspezifischen Kreuzschmerzen sollen die Betroffenen ihre Aktivität wiedererlangen. Schmerztherapeutische Maßnahmen sollten den Schmerzpatienten in der akuten Phase einen raschen und symptom-adäquaten Behandlungsbeginn ermöglichen. Dazu werden nicht-medikamentöse Therapien – wie Bewegungstherapie, Manuelle Medizin, physikalische Therapie, bei ausbleibendem Erfolg Akupunktur, bei Chronifizierungsrisko Entspannungsverfahren (progressive Muskelrelaxation) – und medikamentöse Therapien kombiniert. Bei chronischen oder chronisch-rezidivierenden Krankeitsverläufen kommen zusätzlich multimodale und rehabilitative Programme zum Einsatz.

Die Physikalische Medizin verwendet physikalische Reize zur therapeutischen Anwendung. Dazu setzt sie beispielsweise die Thermotherapie, die Mechanotherapie, die Elektrotherapie, die Klima- und Balneotherapie ein. Eigentlich werden diese unterschiedlichen Therapien fast immer in Form von Therapiepaketen individuell abgestimmt und verschrieben. Man spricht von kombinierten physikalischen Therapieformen.

Die große Bedeutung der Physikalischen Medizin und der Rehabilitation

Die neue Leitlinie bietet auch eine detaillierte Bewertung physikalischer Therapiemethoden.


Empfehlungen (mit entsprechenden Empfehlungsgraden)

Akute und subakute unspezifische Kreuzschmerzen:

  • kombinierte physikalische Therapieformen (subakut, kann)
  • verschiedene Einzeltherapien:
    – Wärmetherapie (wirksam, Verstärkung des Effektes in Kombination mit Bewegungs- und Trainingstherapien) (sollte)
    – TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation) (sollte)
    – Massage (kann)
    – Aktive Bewegung bzw. Bewegungstherapie im Rahmen eines Behandlungskonzeptes speziell zur Verhinderung einer Chronifizierung (kann)

Chronische unspezifische Kreuzschmerzen

  • Kombination physikalischer Therapieformen im Rahmen eines multimodalen Behandlungskonzeptes (soll)
  • Einzeltherapien:
    – Interferenzstromtherapie (sollte)
    – 
    Lasertherapie vor allem zur Behandlung von Triggerpunkten (sollte)
    – 
    Heilmassage (in Kombination mit aktivierenden Maßnahmen)
    – 
    TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation) (sollte)
    – 
    Aktive Bewegung bzw. Bewegungstherapie im Rahmen eines umfassenden Behandlungskonzeptes (soll)
    – 
    medizinische Trainingstherapie (soll)
    – 
    Rückenschule (kann)

 

Grundsätzlich liegen für diese Behandlungsmodalitäten wissenschaftliche Evidenz zu Wirksamkeit und Effektivität vor.


Behandlungsprogramme

Grundsätzlich sind strukturierte Behandlungsprogramme unverzichtbar in der Behandlung chronischer und chronisch-rezidivierender Kreuzschmerzen. Schließlich unterliegen diese als multimodale Programme bezeichneten Verfahren unterschiedlichen Indikationen sowie Zielsetzungen. Dementprechend können sie sich gegenseitig ergänzen.


Multimodale Therapieprogramme bei chronischen Kreuzschmerzen (soll)

Bei Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen (nach einem Akutereignis zumindest 3 Monate andauernd durchgehende Schmerzen mit erheblicher Einschränkung der Funktionsfähigkeit) sowie bei erheblichen schmerzrelevanten psychischen Komorbiditäten sollten grundsätzlich multimodale Therapieprogramme in Erwägung gezogen werden, wenn weniger intensive evidenzbasierte Therapieverfahren unzureichend wirksam waren. In diesen multimodalen Programmen werden verschiedene somatische, körperlich und psychologisch übende sowie psychotherapeutische Verfahren nach vorgegebenem Behandlungsplan durchgeführt. Neben der aktiv übenden Therapie werden physikalische Therapiemodalitäten nur bei entsprechender Indikation (z.B. akute Schmerzexazerbation) eingesetzt.


Medizinische Rehabilitation bei chronischen sowie chronisch rezidivierenden Kreuzschmerzen – ambulante Wirbelsäulenrehabilitation (soll)

Zur langfristigen Sanierung der physiologischen Maladaptation sowie zur positiven Veränderung des Lebensstils und damit Verhinderung eines Wiederauftretens oder einer Progression der bestehenden Erkrankung und Erhalt sowie Wiederherstellung der Funktionalität und Arbeitsfähigkeit sollen Maßnahmen der medizinischen Rehabilitation bei chronischen und chronisch rezidivierenden Kreuzschmerzen in der Phase III ambulant wohnortnah durchgeführt werden. Daher hat die dafür leistungsrechtlich vor allem zuständige Pensionsversicherungsanstalt die ambulante Wirbelsäulenrehabilitation in Österreich flächendeckend etabliert.

 

Quellen:

Statement » Unspezifische Kreuzschmerzen – Eine Update der evidenz- und konsensbasierten Österreichischen Leitlinie für das Management akuter, subakuter, chronischer und rezidivierender unspezifischer Kreuzschmerzen 2018 «. Univ.-Prof. Dr. Michael Quittan, Vorstand des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation im SMZ-Süd/Wien sowie Leiter des Referats für Evidenzbasierte Medizin (EBM) der ÖGPMR


Update der Evidenz- sowie Konsens-basierten Österreichischen Leitlinie für das Management akuter, subakuter und chronischer sowie rezidivierender unspezifischer Kreuzschmerzen 2018;

Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz;

ÖGAM – Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin

ÖGARI – Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin

ÖGIM – Österreichische Gesellschaft für Innere Medizin

ÖGNC – Österreichische Gesellschaft für Neurochirurgie

ÖGN – Österreichische Gesellschaft für Neurologie

ÖGNR – Österreichische Gesellschaft für Neuroradiologie

ÖGO – Österreichische Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie

ÖGPMR – Österreichische Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation

ÖGPP – Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

ÖGU – Österreichische Gesellschaft für Unfallchirurgie

ÖRG – Österreichische Röntgengesellschaft, AG Osteoradiologie

https://www.sozialministerium.at/site/Gesundheit/Gesundheitssystem/Gesundheitssystem_Qualitaetssicherung/Qualitaetsstandards/Leitlinie_Kreuzschmerz_2018


Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Stand Oktober 2005. Herausgegeben vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information, DIMDI. WHO-Kooperationszentrum für das System Internationaler Klassifikationen.

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