Samstag, Mai 25, 2024

Psychische Erkrankungen und induzierte pluripotente Stammzellen

Induzierte pluripotente Stammzellen eröffnen völlig neue Perspektiven und könnten den entscheidende Fortschritt in der Behandlung psychischer Erkrankungen darstellen.

 

Psychische Erkrankungen sind extrem häufig und schwerwiegend und stellen auch die Wissenschaftler vor besondere Herausforderungen: Denn das menschliche Gehirn und die Nervenzellen, aus denen es besteht, waren bisher für die Forschung und Klinik kaum zugänglich.

Um den Zusammenhang zwischen Genen und Erkrankungsursachen besser zu verstehen, setzen Wissenschaftler daher große Hoffnung auf induzierte pluripotente Stammzellen (iPS). Diese werden aus Hautzellen, Haarzellen oder Blutproben psychisch erkrankter Menschen gewonnen und mithilfe genetischer Methoden reprogrammiert.

„Ziel ist es, anhand dieser von einem individuellen Patienten stammenden Zellen untersuchen zu können, wie sich Krankheitsfaktoren auf die Biologie der Nervenzellen auswirken. In einem nächsten Schritt sollen so Wirkstoffe entwickelt und getestet werden, die dem Erkrankungsprofil optimal entsprechen – also ein Schritt in Richtung personalisierte Medizin in der Psychiatrie“ erläutert DGPPN-Vorstandsmitglied Prof. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Die Zelltechnologie mit induzierte pluripotente Stammzellen ist einer von vielen Ansätzen in der psychiatrischen Grundlagenforschung. Vielversprechend sind zum Beispiel auch die aktuellen Erkenntnisse im Bereich der Biomarker und in der Verwendung sogenannter „big data“ – das heißt, in der Routineversorgung anfallender Daten, aus denen Rückschlüsse über therapeutische Möglichkeiten gewonnen werden. Diese können die Weiterentwicklung individualisierter und optimierter Therapien wesentlich befördern.

 

Induzierte pluripotente Stammzellen –

Statement Prof. Dr. Oliver Brüstle, Bonn

Direktor des Instituts für Rekonstruktive Neurobiologie an der Universität Bonn

Herausforderungen der modernen Gesellschaft. Die Entwicklung neuer therapeutischer Verfahren für neurologische und psychiatrische Krankheiten wird nicht nur durch die enorme Komplexität des Nervensystems erschwert.

Durch die Unzugänglichkeit von Gehirngewebe steht kein humanes Zellmaterial für Krankheitsforschung und Wirkstoffentwicklung zur Verfügung. Auf der anderen Seite sind diese Erkrankungen humanspezifisch und daher an Zellen tierischen Ursprungs oder Versuchstieren nur eingeschränkt erforschbar. Mit der Verfügbarkeit humaner pluripotenter Stammzellen hat sich diese Situation grundlegend gewandelt.

Diese können heute mit Hilfe der Zellreprogrammierung direkt aus einer kleinen Haut oder Blutprobe vom Patienten gewonnen werden – induzierte pluripotente Stammzellen; iPS-Zellen. In der Zellkulturschale lassen sich diese ‚Alleskönner‘ unbegrenzt vermehren und gezielt in verschiedene Nervenzelltypen und sogar in sogenannte Organoide (»mini brains«) ausreifen.

Noch aktuellere Verfahren erlauben mittlerweile die direkte Umwandlung von Blut- in Gehirnzellen. Diese neuen Ansätze eröffnen nahezu uneingeschränkten experimentellen Zugang zu Gehirnzellen und die Korrelation daran erhobener Daten mit genetischen und klinischen Befunden des jeweiligen Patienten.

Angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Humangenetik, Klinik, molekularer Krankheitsforschung, Stammzelltechnologie und dem Pharmasektor bietet dieses rasch expandierende Gebiet faszinierende Möglichkeiten für Krankheitsmodellierung und Wirkstoff-Forschung.

 

Ausblick. Bis die neuen Therapieansätze bei den Patienten in Deutschland ankommen, braucht es Jahre intensiver und kontinuierlicher Forschung. Mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) hat die Bundesregierung ein Instrument geschaffen, das sich zur strukturellen Förderung auch auf dem so wichtigen Bereich der Erforschung der seelischen Gesundheit über die Lebensspanne eignet. Daher sollte nach Ansicht der DGPPN in dieser Initiative auch ein Deutsches Zentrum für psychische Erkrankungen (DZP) eingerichtet werden: Die erfolgreiche Projektförderung des Bundes im Bereich der psychischen Störungen müsste in ein DZP münden, in dem mehrere Partnerstandorte in Deutschland nachhaltig strukturell gefördert werden, um ihre jeweiligen Kompetenzen einzubringen“, fordert Prof. Andreas Meyer-Lindenberg.

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