Sonntag, März 1, 2026

Neue Opioide sollen die Schmerztherapie verbessern

Neue Opioide in der Schmerztherapie sollen direkt bei der Verletzung oder Entzündung wirken, was unerwünschte Wirkungen verhindern könnte.

Sowohl konventionelle Opioide als auch nichtsteroidale Analgetika (bzw. nichtsteroidale Antiphlogistika, abgekürzt NSAR) können bei der Schmerztherapie schädliche Nebenwirkungen verursachen. Und zwar bei den Opioiden in Gehirn oder Darm Sedierung (Dämpfung von Funktionen des zentralen Nervensystems), Benommenheit, Atemstillstand (Atemnot), Übelkeit, Suchtverhalten sowie Verstopfung. Hingegen bei den NSAR (Cyclooxygenase-Hemmer) Magengeschwüre und Blutungen sowie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Opioide sind eine Stoffklasse von starken schmerzstillenden Substanzen. Sie kommen insbesondere bei Schmerzen durch Gewebeverletzungen und Entzündungen zum Einsatz. Um die eingangs erwähnten unerwünschten Wirkungen zukünftig verhindern zu können, haben unlängst Forscher der Charité in Berlin mit Hilfe von Computersimulationen zwei neuartige Opioidsubstanzen entwickelt. Die beiden neuen Opioide basieren auf dem gleichen Ausgangsmolekül, dem bekannten Schmerzmittel Fentanyl.

 

Welche unerwünschte Wirkungen bei der Schmerztherapie durch Opioide auftreten können

Unter dem Strich bleiben die Opioide auch bei längerem Gebrauch effektiv. Zu beachten sind eben die verschiedenen unerwünschte Wirkungen. Vor allem Verstopfung, Übelkeit, Schwindel sowie Erbrechen belasten viele Schmerzpatienten. Außerdem kann bei langfristiger Anwendung eine Unterproduktion der körpereigenen Geschlechtshormone mit Unfruchtbarkeit entstehen.

Weitere Nebenwirkungen sind Immunsuppression, Atembeschwerden während des Schlafes sowie eine höhere Schmerzempfindlichkeit. Opioide können auch die Leistung bei neuropsychologischen Exekutivfunktionsaufgaben beeinträchtigen – einschließlich Codierung und logischem Denken. Schließlich kann eine Überdosierung sogar tödlich enden.

Experten fordern schon lange einen angemessenen und verantwortungsvollen Umgang mit Opioiden. Wichtige Ziele einer optimalen Opioidtherapie sind die optimale Schmerzlinderung und eine sichere Behandlung. Außerdem will man ein Suchtverhalten vermeiden sowie die soziale Teilhabe der Patienten sicherstellen.

 

Neue Opioide sollen eine zielgerichtete Schmerztherapie

Mithilfe von Computersimulationen haben die deutschen Wissenschaftler neue Opioide entworfen, die ausschließlich an der Stelle der Verletzung oder Entzündung wirken. Damit konnten sie erfolgreich in vorklinischen Experimenten die typischen Nebenwirkungen von herkömmlichen Opioiden im Gehirn oder Darm vermeiden.

Die Ausgangshypothese war, dass in verletztem oder entzündetem Gewebe eine verstärkte Interaktion zwischen Opioidagonisten und Opioidrezeptoren stattfindet. Also zwischen den aktivierenden Wirkstoffen und den Andockstellen für Schmerzmedikamente im Körper. Die Computersimulationen ließen darauf schließen, dass die in entzündetem Gewebe vorliegende erhöhte Konzentration von Protonen der Grund dafür ist. Dadurch ist der pH-Wert niedriger als im gesunden Gewebe – die Folge ist eine Ansäuerung.

Um Opioidrezeptoren zu aktivieren, ist eine Protonierung von bindungsfähigen Opioidmolekülen notwendig. Diese Zusammenhänge haben die Wissenschaftler genutzt und die zwei Substanzen so gestaltet, dass sie lediglich in entzündeter Umgebung protoniert sind. Und die Opioidrezeptoren allein am Ort der Gewebeverletzung oder Entzündung aktivieren, jedoch nicht im Gehirn oder Darm.

 

Grundlage für eine neue Generation von Schmerzmedikamenten

Die innovative Entwicklungsmethode liefert eine solide Grundlage für eine neue Generation von Schmerzmedikamenten. Denn die neuen Opioide verhinderten schwere Nebenwirkungen und verringerten Komplikationen. Zusätzlich könnten die neuen Opioide einen Beitrag zur Bewältigung der Opioid-Krise (Opioidsucht) leisten. Wobei das Problem vor allem in den USA groß ist.


Literatur:

Rodriguez-Gaztelumendi A et al. Analgesic effects of a novel pH-dependent μ-opioid receptor agonist in models of neuropathic and abdominal pain. Pain. 2018 Jul 2. doi: 10.1097/j.pain.0000000000001328.

Spahn V et al. Opioid receptor signaling, analgesic and side effects induced by a computationally designed pH-dependent agonist. Sci Rep. 2018 Jun 12;8(1):8965. doi: 10.1038/s41598-018-27313-4.

Henk van Steenbergen,corresponding, Marie Eikemo, Siri Leknes. The role of the opioid system in decision making and cognitive control: A review. Cogn Affect Behav Neurosci. 2019; 19(3): 435–458.
Published online 2019 Apr 8. doi: 10.3758/s13415-019-00710-6

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