Dienstag, Februar 27, 2024

Gelenkschmerzen haben viele verschiedene Gesichter

Bei der Therapie von Gelenkschmerzen entscheidet heute der den Beschwerden zugrunde liegende Mechanismus über die richtige Medikamentenwahl.

Gelenkschmerzen verursachen vielfältige Schmerzformen, die in den und rund um die Gelenke auftreten können. Dementpsrechend sind sie ein besonders weit verbreitetes Gesundheitsproblem. Dabei gehen etwa 20 Prozent der chronischen Schmerzen weltweit allein auf das Konto von Arthrosen. Außerdem sind sehr viele Menschen auch von entzündlichen Gelenkproblemen betroffen.

Sehr oft pilgern betroffene Schmerzpatienten von Arzt zu Arzt auf der Suche nach effektiver Hilfe. Denn die Behandlung der unterschiedlichen Gelenkschmerzen stellt nach wie eine große Herausforderung. Jedoch versprechen jüngste Erkenntnisse eine stärkere Linderung von Schmerzen. Doch neue Wirkstoffe beziehungsweise neue effektive Therapien kommen allerdings noch nicht in ausreichendem Maß bei den Betroffenen an.

 

Gelenkschmerzen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden

Weltweit leidet mehr als die Hälfte der Bevölkerung über 50 Jahren an Gelenkschmerzen. Damit gehören diese zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden überhaupt. Außerdem sind häufig für Behinderungen verantwortlich. Ein bewegungsarmer Lebensstil, Übergewicht und Bewegungsarmut sowie die gestiegene Lebenserwartung fördern hier die negative Entwicklung.

Deswegen vermuten Experten, dass sich in Zukunft diese Problematik noch weiter vergrößert. Denn Gelenkschmerzen verursachen – ebenso wie chronische Schmerzen allgemein – nicht nur individuelles Leid. Sondern Gesundheitsausgaben, Krankenstandstage, Produktivitätsverlust sowie Berufsunfähigkeit auch enorme gesellschaftliche Kosten.

Welche wirtschaftliche Dimension das haben kann, zeigen beispielsweise Zahlen aus den USA. Zwischen 1996 und 2011 verzeichneten Ausgaben für die Behandlung von Gelenkschmerzen mit 192 Prozent den höchsten Anstieg. Im gesamten EU-Raum stellen muskuloskelettale Probleme die wichtigste Diagnosegruppe dar – bezogen auf Gesundheitsausgaben sowie indirekte Kosten durch Produktivitätsausfälle.

 

Viele Gesichter der Gelenkschmerzen: Mindestens 150 Arten bekannt

Die Wissenschaft konnte bislang etwa 150 verschiedenen Formen von Gelenkschmerzen mit zum Teil sehr unterschiedlichen Ursachen identifizieren. Beispielsweise können Knochenbrüchen ebenso wie vorangegangene Gelenkoperationen dafür verantwortlich sein. Die häufigste Ursache für chronische Probleme mit den Gelenken sind allerdings abnützungsbedingte Arthrosen, Kristallablagerungen (Gicht) sowie entzündliche Prozesse.

 

Gicht und Rheumatoide Arthritis sind weit verbreitet

Gicht ist die häufigste entzündliche schmerzhafte Gelenkerkrankungen. Charakteristisch sind dabei akute Schmerzepisoden, aus denen sich auch eine chronisches entzündliches Geschehen entwickeln kann. Von Gicht sind zwischen einem und vier Prozent der Bevölkerung betroffen.

Die Rheumatoide Arthritis ist hingegen die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung mit autoimmuner Ursache. Etwas weniger als ein Prozent der Bevölkerung leiden weltweit an dieser Rheuma-Erkrankung, die üblicherweise mehrere Gelenke beeinträchtigen kann.

 

Arthrose ist mehr als eine Gelenkkrankheit

Schließlich ist die Arthrose – auch als Osteoarthritis bekannt – die häufigste Form von schmerzhaften Gelenkproblemen überhaupt. Diese komplexe Erkrankung ist charakterisiert durch einen übermäßigen Verschleiß der Gelenke, bei der mechanischer Schmerz mit Entzündungs- und/oder neuropathischem Schmerz gekoppelt sein kann.

Jedenfalls gehen etwa 20 Prozent aller chronischen Schmerzen weltweit auf das Konto von Arthrosen. Zehn bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung sind davon betroffen, wobei die Krankheit mit steigendem Alter häufiger auftritt. Am häufigsten stellen Ärzte beziehungsweise Spezialisten die Diagnose Arthrose bei ihren 60- bis 70-jährigen Patienten. Dementsprechend ist sie die häufigste Erkrankung des Bewegungsapparats bei älteren Menschen – oft mit einer Behinderung einhergehend.

Übrigens treten nicht bei allen Patienten mit einem charakteristischen Röntgenbild bekannte Symptome wie Gelenkschmerzen oder Steifheit. Bei zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung ist dies weltweit jedoch der Fall. Außerdem sind Knie-, Hand- sowie Hüftgelenke am häufigsten in Mitleidenschaft gezogen.

 

Arthrose-Schmerzen nicht hinnehmen

Sowohl Betroffene als auch Ärzte haben früher Arthrose-Schmerzen gerne vernachlässigt. Hinzu kam eine falsche Einschätzung der dahinter liegenden Mechanismen und Therapiemöglichkeiten. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Arthrosen mehr sind als eine Gelenkkrankheit. Außerdem weiss man heute um den starken, komplexen Zusammenhang mit Fettleibigkeit, Stoffwechsel- sowie Herz- und Gefäß-Erkrankungen.

 

Bei Gelenkschmerzen Medikamente Mechanismus-basiert einsetzten

Jedenfalls sind sich heute Experten einig, dass die Behandlung von Gelenkschmerzen unterschiedlichster Ursache vor allem eine Schmerzchronifizerung vermeiden muss. Allerdings ist das Risiko dafür hoch. Denn viele Patienten mit Arthrose suchen erst nach beträchtlicher Zeit ärztliche Hilfe. 66 Prozent versuchen mit nicht verschreibungspflichtigen Nahrungsmittelzusätzen und Medikamenten eine Besserung herbeizuführen. Schließlich haben 41 Prozent der Patienten zumindest ein Jahr vor der Diagnose bereits Gelenkschmerzen.

So unterschiedlich die Ursachen und Manifestationen von Gelenkschmerzen, so breit ist auch die Palette der verfügbaren Therapien. Hierbei gehören Wärme- und Kälteanwendungen, Elektrotherapien sowie Bewegungsstrategien, Krafttraining und Gewichtsverlust zu den wichtigen nichtmedikamentösen Behandlungsansätzen.

Was die medikamentöse Therapie von Gelenkschmerzen betrifft, setzt ich zunehmend ein neuer Ansatz durch. Nämlich eine an den Mechanismen der jeweiligen schmerzhaften Manifestation orientierte Auswahl der Substanzen. Herkömmlicher Weise hatte man auch bei Gelenkschmerzen die Therapie in Anlehnung  an das WHO-Stufenschema an der Schmerzstärke orientiert. Mit Nicht-Opioid-Analgetika und entzündungshemmenden Medikamenten (NSAR) bei milden, schwach wirksamen Opioiden bei mittelstarken und stark wirksamen Opioiden bei starken Schmerzen.

Neuerdings orientieren sich Schmerzspezialisten bei Wahl der Therapie am Mechanismus, der den jeweiligen Beschwerden zugrunde liegt. So wirken beispielsweise entzündungshemmende Substanzen wie NSAR und Steroide sehr gut bei nozizeptiven entzündlichen Schmerzen. Hingegen sind Opioid- und Nichtopioid-Analgetika bei nicht-entzündlichen nozizeptiven Schmerzen eine sehr gute Wahl. Wiederum kommen bei neuropathischen Schmerzen zusätzlich auch Antidepressiva oder Antikonvulsiva zum Einsatz. Schließlich stehen heute bei verschiedenen rheumatischen Erkrankungsformen auch monoklonale Antikörper zur Verfügung.


Therapie zu Gelenkschmerzen

Opioide bei Rückenschmerzen und anderen Schmerzen des Bewegungsapparates

Physikalische Medizin bei Gelenkschmerzen

Multimodale Schmerztherapie von chronischen Schmerzen

Knochenschmerzen durch Vitamin D-Mangel

Unspezifische Kreuzschmerzen behandeln

Antidepressiva zur Linderung von Schmerzen


Unterbehandlung von Gelenkschmerzen

Leider setzen viele Patienten mit Gelenkschmerzen die verfügbaren medikamentösen schmerztherapeutischen Optionen nicht immer ein. Schuld daran sind Sorgen über unerwünschte Wirkungen – insbesondere bei älteren Patienten. Aber gerade hier gab es in den letzten Jahren zahlreiche Verbesserungen. So können neuentwickelte Opioide beispielsweise sehr gut wirken – bei geringeren gastrointestinale sowie kognitiven Beeinträchtigungen und einem geringeren Abhängigkeitsrisiko.

Weiters kann eine lokale Verabreichung von Schmerzmitteln Nebenwirkungen reduzieren. Neue Antikörper, die Nervenwachstumsfaktoren blockieren, zeigen auch das Potenzial von biologischen Therapien auch bei Arthrose. Sie zielen auf periphere Schmerzmechanismen und dringen kaum in das Zentralnervensystem. Damit gehören Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit oder Übelkeit der Vergangenheit an. 


Literatur:

Perez-Ruiz F, Dalbeth N. Gout. Rheum Dis Clin North Am. 2019 Nov;45(4):583-591. doi: 10.1016/j.rdc.2019.08.001. PMID: 31564298.

Keyßer G, Schäfer C. Die Rheumatoide Arthritis [Rheumatoid arthritis]. MMW Fortschr Med. 2018 Jan;160(1):50-58. German. doi: 10.1007/s15006-018-0001-7. PMID: 29335999.

Sources: MacDonald KV et al. For how long do people with osteoarthritis self-manage before seeking physician care? Survey on living with chronic diseases in Canada findings. Osteoarthrits Cartilage 2014; Supplement (22): S208;

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