Stress und Auswirkungen moralischer Entscheidungen im Alltag

Oft verursacht die Notwendigkeit moralischer Entscheidungen im Alltag beträchtliche Auswirkungen auf die Betroffene mit akutem Stress.

Im Grunde genommen setzt die Notwendigkeit moralischer Entscheidungen im Alltag viele Menschen schnell und unter starken Stress. In diesem Sinne gibt es viele teilweise einfache Situationen. Nach einem anstrengenden Arbeitstag möchte man beispielsweise unbedingt den Bus erwischen. Damit man rechtzeitig einen wichtigen Termin zu Hause einhalten kann. Und kurz bevor der Bus abfährt, lässt ein älterer Herr versehentlich seine Tüte mit Einkäufen fallen und alles purzelt auf den Gehsteig. Was macht man? Hilft man dem Mann beim Einsammeln oder steigt man in den Bus?



Auswirkungen moralischer Entscheidungen unter Stress in Alltagssituationen

Inspiriert durch derartige Fragestellungen hat unlängst eine Forschergruppe untersucht, welchen Einfluss akuter Stress auf das Ergebnis moralischer Entscheidungen in Alltagssituationen hat. Dazu wurden insgesamt 50 gesunde junge männliche Versuchsteilnehmer zunächst entweder mit dem „Trierer Sozial Stress Test“ (TSST) oder einer nicht-stressenden Kontrollbedingung konfrontiert.

Der TSST stellt ein inzwischen weltweit verwendetes Standardprotokoll zum absichtlichen Erzeugen von moderatem psychosozialen Stress im Verhaltenslabor dar. Anschließend beantworteten die Probanden 28 alltagsbezogene moralische Dilemmata mit selbstloser oder egoistischer Antwortalternative.

Die Teilnehmenden sollten zudem ihre Sicherheit und ihr Gefühl bei den Moralentscheidungen angeben. Außerdem füllten die Probanden verschiedene Selbstberichtsfragebögen aus und gaben zu mehreren festgelegten Zeitpunkten Speichelproben zur Messung des Stresshormons Cortisol ab.

In der Studie zeigte sich, dass sich die Versuchsteilnehmer der Stress-Bedingung bei den moralischen Dilemmata im Mittel weniger egoistisch entschieden als die Probanden der Kontrollbedingung. Zudem waren selbstlose Entscheidungen durch eine höhere Entscheidungssicherheit und durch positivere Emotionen charakterisiert als egoistische Entscheidungen.

 

Stresshormon Cortisol im Fokus

Die Forschenden fanden darüber hinaus einen positiven Zusammenhang zwischen dem Cortisolspiegel und altruistischem Entscheidungsverhalten. Womöglich könnte das Stresshormon Cortisol also für die gefundenen Effekte verantwortlich sein. Weiterhin zeigten die Studienergebnisse, dass vor allem die Persönlichkeitseigenschaft „Verträglichkeit“ eine wichtige Rolle bei moralischem Entscheidungsverhalten in Alltagssituationen zu spielen scheint.

Zusammenfassend verdeutlicht die Studie der Arbeitsgruppe um Professorin Dr. Brigitte Kudielka, dass das allgegenwärtige und oft negativ konnotierte Phänomen Stress also durchaus auch prosoziale Konsequenzen haben kann und nicht automatisch nur mit negativen Auswirkungen in Verbindung gebracht werden sollte.




Literatur:

Singer, N., Sommer, M., Döhnel, K., Zänkert, S., Wüst, S., & Kudielka, B. M. (2017). Acute psychosocial stress and everyday moral decision-making in young healthy men: The impact of cortisol. Hormones and Behavior, 93:72-81. [Epub ahead of print]. DOI: https://doi.org/10.1016/j.yhbeh.2017.05.002

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