Freitag, Mai 24, 2024

Psychotherapie und sexuelle Orientierung im Blickpunkt

Menschen mit nicht der heteronormativen Norm entsprechenden sexuellen Orientierung suchen in erster Linie wegen affektiver Störungen, Angststörungen und Substanzmissbrauch Hilfe in der Psychotherapie.

Im Grunde genommen motivieren die selben Symptome, Erkrankungen und Probleme Menschen mit queerer sexueller, nicht der heteronormativen Norm entsprechenden Orientierung dazu, Hilfe in der Psychotherapie zu suchen. Unter dem Strich unterscheiden sie sich nicht von „Nicht-LG-Menschen“.

Durch direkte oder indirekt erfahrene Diskriminierung im Sinne des „minority stress“ findet sich jedoch eine höhere Prävalenz psychischer Störungen bei LGBT-Menschen. Dazu zählen in erster Linie affektive Störungen, Angststörungen und Substanzmissbrauch. Zudem besteht eine dreifach erhöhte Suizidrate bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit homo- oder bisexueller Orientierung.

In der Konsequenz wurden im Sinne der Psychotherapie die sogenannte „gay affirmative therapies“ entwickelt, deren Ziele unter anderem die Akzeptanz der sexuellen Orientierung und die Entwicklung von Resilienzfaktoren gegenüber externen (sozialen) Stressoren sind.



 

Vielfältige sexuelle Orientierung, eine Vielfalt der Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten hat es zu allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben.

Der Begriff der Homosexualität wurde erstmals von K.M. Kertbeny 1868 verwendet und erfuhr durch R. v. Krafft-Ebing in dessen Werk „Psychopathia sexualis“ (1886) seine Verbreitung. Wissenschaftlichen Debatten und Theorien um „Homo- und Heterosexualität“ (als Antonym zur „Homosexualität“) begannen erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Bekannte Namen sind neben Kertbeny und Krafft-Ebing zum Beispiel C. Westphal oder K.H. Ulrichs, der den Begriff des „Uranismus“ prägte.

Die Medikalisierung der Homosexualität durch vor allem Krafft-Ebing war ein Versuch, diese aus dem Strafrecht zu nehmen. Der Versuch scheiterte: Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in der Psychiatrie Homosexualität als eine Form der Perversion und/oder Entwicklungsstörung angesehen. Und der Paragraf 175 bestand bis 1994. Differenziertere und nicht pathologisierende Betrachtungsweisen von Homosexualität entwickelten sich erst infolge der sogenannten Kinsey-Studien. Homosexualität als (psychiatrische) Diagnose wurde 1973 aus der DSM- und 1991/92 aus der ICD-Klassifikation gestrichen. Natürliche sexuelle Orientierung beinhaltet heute Hetero-, Bi- und Homosexualität gleichermaßen.

 

Sexuelle Orientierung: Diskurs über Ursachen, Auswirkungen und Definitionen

Jedenfalls besteht heute bei den meisten Ärzten und Therapeuten Konsens darüber, dass Homosexualität keine Erkrankung ist. Allerdings ist bei vielen eine große Verunsicherung und Ambivalenz gegenüber nonkonformen sexuellen und geschlechtlichen Identitäten bekannt.

Ein Grund dafür mag sein, dass ein offener und nachhaltiger Diskurs über Ursachen, Auswirkungen und Definitionen sexueller Orientierungen vor allem im deutschsprachigen Raum nach der offiziellen „Entpathologisierung“ zum Erliegen gekommen ist.

Nicht pathologisierende Entwicklungstheorien und neuere Erkenntnisse zur sexuellen Orientierung, die einen wertfreien und professionellen Umgang mit Menschen mit homo- oder bisexueller Orientierung ermöglichen und deren spezifischen Bedarf im therapeutischen Setting erkennbar machen, finden in der Lehre kaum Beachtung. Dies ist kontraproduktiv für den psychiatrischen und psychotherapeutischen Kontakt.



 

Gefahr doppelter Diskriminierung/Stigmatisierung

Im Grunde genommen ist in den letzten Jahren die Rate an Infektionen mit HIV konstant geblieben. Durch die ausgesprochen guten Möglichkeiten der Behandlung auf Basis der antiretroviralen Therapie (ART) hat sich die Lebenszeit HIV-positiver Menschen deutlich verlängert (zur Erinnerung: Bis 1996 war AIDS ein Todesurteil). Das bedingt, dass die Prävalenzrate zunimmt. 2016 waren in Deutschland über 84 000 Menschen HIV-positiv. Die hauptbetroffene Gruppe in Deutschland  sind weiterhin „MSM“ (Männer, die Sex mit Männern haben). Und zwar im Gegensatz zu zum Beispiel Ländern der Subsahara. Diese sehen sich dann der „Gefahr“ einer doppelten Diskriminierung/Stigmatisierung gegenüber: „schwul und positiv“.

Unter dem Strich suchen homosexuelle positive Männer aus unterschiedlichsten Gründen einen Psychotherapeuten auf. Einer davon kann auch der Umgang mit der Infektion sein. Von AIDS-Hilfen wurde berichtet, dass sie von Therapeuten immer wieder hören, dass diese sich scheuen würden, mit HIV-Patienten zu arbeiten. Nicht aus Gründen der „Diskriminierung“, sondern weil sie es sich „nicht zutrauen würden“.




Literatur:

Parker CM, Hirsch JS, Philbin MM, Parker RG. The Urgent Need for Research and Interventions to Address Family-Based Stigma and Discrimination Against Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, and Queer Youth. J Adolesc Health. 2018 Oct;63(4):383-393. doi: 10.1016/j.jadohealth.2018.05.018. Epub 2018 Aug 23. PMID: 30146436; PMCID: PMC6344929.

Biechele, U., Hammelstein, P. und Heinrich, T. (eds., 2006). Anders ver-rückt?! Lesben und Schwule in der Psychiatrie. Lengerich, Pabst Science Publishers.

Fone, B. (2000). Homophobia. A history. New York, Picador. 6. Göth, M. und Kohn, R. (2014). Sexuelle Orientierung in Psychotherapie und Beratung. Berlin Heidelberg, Springer-Verlag.

Halkitis, PN. (2014). The AIDS Generation. Stories of Survival and Resilience. New York, Oxford University Press. 8. Hoffmann, Ch. und Rockstroh, JK. (2016). HIV 2016/2017. Hamburg, Medizin Fokus Verlag.

Krafft-Ebing, R. (1924). Psychopathia sexualis. Mit besonderer Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung. 16. und 17. Auflage, bearbeitet von A. Moll. Stuttgart, Ferdinand Enke Verlag.

Langer, PC., Drewes, J., Kühner, A. (2010). Positiv. Leben mit HIV und AIDS. Bonn, BALANCE buch + medien verlag.


Quellen:

Statement » Sexuelle Orientierung und Psychotherapie « von Dr. med. Gernot Langs, Chefarzt des Fachzentrums Psychosomatik in der Schön Klinik Bad Bramstedt anlässlich des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 2017 in Berlin

Altman, D. und Symons, J. (2016). Queer wars. The New Global Polarization over Gay Rights. Cambridge, Polity Press.

Bagemihl, B. (1999). Biological Exuberance. Animal Homosexuality and Natural Diversity. New York, St. Martin’s Press.

Beachy, R. (2014). Gay Berlin: Birthplace of a Modern Identity. New York, Knopf Doubleday Publishing Group.

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