Kehrwert der Wahrscheinlichkeit: So macht das Gehirn seine Vorhersage

Permanent muss unser Gehirn eine Vorhersage treffen, wann ein bestimmtes Ereignis eintrifft. Dazu verwendet es den Kehrwert der Wahrscheinlichkeit

Die richtige Vorhersage durch das Gehirn, inwiefern bei bestimmten Abläufen das nächste Ereignis aussieht. Denn das muss man in vielen Bereichen des täglichen Lebens wie beispielsweise beim Sport, beim Musizieren, wissen, um schnell und richtig reagieren zu können. Doch wie kann der Mensch solche Ereignisse rechtzeitig vorhersehen? Gemäß einer weit verbreiteten Hypothese schätzt das Gehirn die sogenannte Hazard Rate von Ereignissen ab und trifft eine Vorhersage. Dagegen konnte nun ein Team von Wissenschaftlern am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik zeigen, dass das Gehirn ein einfacheres und stabileres Modell seiner Umwelt verwendet, das auf dem Kehrwert der Ereignis-Wahrscheinlichkeit basiert.



 

Mit dem Kehrwert der Wahrscheinlichkeit macht Gehirn seine Vorhersage

Wie lernt das Gehirn, wann ein Ereignis wahrscheinlicher eintritt. Und wie stellt es Wahrscheinlichkeiten über einen längeren Zeitraum hinweg dar?

Der bisher wichtigste Mechanismus war die Berechnung der Hazard Rate. Das beschreibt die Wahrscheinlichkeit mit der ein Ereignis kurz bevorsteht. Vorausgesetzt, es ist noch nicht geschehen.

In ihrem Artikel in der Zeitschrift Nature Communications zeigen Matthias Grabenhorst, Georgios Michalareas und weitere Forscher anhand von Verhaltensexperimenten, dass das Gehirn stattdessen eine viel einfachere Berechnung verwendet.

Denn es schätzt lediglich den Kehrwert der Wahrscheinlichkeit. Dies ist eine fundamentale Erkenntnis, die ein kanonisches Prinzip der Modellierung von Wahrscheinlichkeiten im Gehirn beleuchtet. Die enge Beziehung zwischen der reziproken Wahrscheinlichkeit und dem Shanon-Informationsgehalt (auch Surprisal genannt) deutet darauf hin, dass das Gehirn Wahrscheinlichkeiten tatsächlich als Information abbildet.

„Die Wahrscheinlichkeit selbst ist der grundlegende Parameter, den das Gehirn verwendet“, fasst Matthias Grabenhorst zusammen.

 

Unsicherheit der Schätzung

Ein zweites wichtiges Ergebnis dieser Arbeit betrifft die Unsicherheit bei der Schätzung der verstrichenen Zeit. Bisherige Forschungen haben gezeigt, dass die Unsicherheit der Schätzung des Gehirns umso größer ist, je länger die verstrichene Zeit ist.

Grabenhorst, Michalareas und Kollegen zeigen auf, dass dieses Prinzip der monoton steigenden Unsicherheit mit der verstrichenen Zeit nicht immer gilt, sondern dass es tatsächlich die Wahrscheinlichkeitsverteilung von Ereignissen über einen Zeitraum ist, die bestimmt, wann die Unsicherheit am geringsten oder am größten ist.

Schließlich zeigen die Autoren der Studie, dass die zuvor genannten Ergebnisse in drei verschiedenen Sinnesmodalitäten gelten: beim Sehen, Hören und in der Somatosensorik. Diese Gemeinsamkeit deutet entweder auf einen zentralen Mechanismus hin, der von allen drei Modalitäten genutzt wird, oder auf einen kanonischen peripheren Mechanismus, der in multiplen sensorischen Bereichen des Gehirns eingesetzt wird.




Literatur:

Grabenhorst, M., Michalareas, G., Maloney, L. T., & Poeppel, D. (2019). The anticipation of events in time. Nature Communications, 10(1). doi:10.1038/s41467-019-13849-0


Quelle: Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik

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