Samstag, Mai 18, 2024

Migräne mit Aura oder Schlaganfall – Symptome unterscheiden

Massive Kopfschmerzen können auf Migräne mit Aura oder Schlaganfall hinweisen, wobei man die Symptome klinisch nicht immer eindeutig unterscheiden kann.

Migräne und insbesondere Migräne mit Aura sind mit einem erhöhten Risiko für Schlaganfall und anderen vaskuläre Erkrankungen verbunden. Die Gründe für diesen Zusammenhang sind jedoch unklar. Unter dem Strich ist es auch oft gar nicht so leicht, die Symptome zu unterscheiden, nämlich ob eine Migräne (mit Aura) oder ein Schlaganfall vorliegt. Wobei Kopfschmerzen zwar Symptom für eine gefährliche Erkrankung sein können. Allerdings kann man in vielen Fällen die Beschwerden anhand der üblichen diagnostischen Kriterien einer klassischen Migräne- oder Spannungskopfschmerz-Symptome zuordnen.



Migräne und Schlaganfall sind jedenfalls beides neurologische Störungen mit einer hohen sozioökonomischen Belastung. Bereits vor Jahren haben Experten einen Zusammenhang gesehen und verschiedene Theorien vorgeschlagen, um die bidirektionale Beziehung zu erklären. Die genauen Ursachen bleiben jedoch unklar.

Im Grunde genommen kann man eine Migräne mit Aura einem akuten ischämischen Schlaganfall schwer unterschieden. Denn bei beiden neurologischen Erkrankungen sind die Symptome sehr ähnlich. Experten befürchteten, dass eine unsachgemäße Verabreichung einer Thrombolyse dann bei manchen Migräne-Patienten Nebenwirkungen verursachen könnte. Eine rezente Studie zeigte jedoch, dass die Thrombolyse bei Migräne mit Aura ein äußerst geringer Risiko für unerwünschte Wirkungen hat.

 

Plötzliche Kopfschmerzen können auf eine große Gefahr hindeuten

Wenn Menschen plötzlich über massive Kopfschmerzen klagen, die das Problem bisher weitgehend nicht hatten, dann kann das gefährlich sein. Das gilt auch, wenn sich bei Patienten bereits bestehende Kopfschmerzen hinsichtlich Charakter, Intensität sowie Frequenz verändern. Auch wenn keine atypischen Beschwerden oder zusätzlich neurologische Auffälligkeiten auftreten, sollte man das nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Denn neue Kopfschmerzen (Migräne) oder massive Veränderungen bei bestehenden können Warnsignale für sehr gefährliche Erkrankungen sein. Darunter Schlaganfall, Meningitis, strukturelle Gehirnläsionen, wie vaskuläre Malformationen, Glioblastome sowie andere Tumore. Alle diese können sich hinter veränderten Kopfschmerzen und Migräne mit Aura verbergen.

 

Migräne oder Schlaganfall: die Unterscheidung der Symptome ist meistens einfach. Aber nicht immer!

Bei Migräne ähnlichen Attacken mit untypischem Verlauf ist die Verwechslungsgefahr mit Schlaganfall möglich, denn die Symptome können ähnlich sein. Ein besonders plakatives Beispiel ist die Familiäre Hemiplegische Migräne. Diese seltene, genetisch bedingte Form der Migräne geht mit motorischen Ausfällen und Bewusstseinsstörungen einher. Und deswegen kann man sie leicht als einen Schlaganfall interpretieren. Umgekehrt geht ein akuter Schlaganfall oft mit Kopfschmerzen einher und kann klinisch einer Migräne mit Aura ähneln.

 

Subarachnoidalblutungen

Manche Krankheiten, die zu Kopfschmerzen und Schlaganfällen führen, können lebensbedrohliche Zustände hervorrufen. Dazu zählt etwa die Subarachnoidalblutung (SAB), eine spezielle Form des Schlaganfalls. Dabei gelangt durch krankhaftes Geschehen im Bereich des Zentralen Nervensystems freies Blut in den mit Hirnflüssigkeit gefüllten Subarachnoidal-Raum.

Eine Subarachnoidalblutung muss so rasch wie möglich abgeklärt und behandelt werden. Die Blutung tritt fast immer gemeinsam mit schlagartig einsetzenden, zerreißenden Kopfschmerzen auf. Wobei man die Symptome in der Regel occipital lokalisieren kann. Weiter kommt es häufig zu neurologischen Ausfällen und Beschwerden.



Der Subarachnoidalblutung liegt meist ein Aneurysma zugrunde. Das liegt eine lokale Ausbuchtung eines Gefäßes an einer Schwachstelle der Gefäßwand vor. Bis zu 50 Prozent der Patienten klagen bereits in den Tagen vor einer Subarachnoidalblutung über starke und plötzliche Kopfschmerzen. Dabei spricht man auch von »warning leaks«. SAB’s treten nicht nur bei körperlicher Belastung, sondern sogar bei etwa der Hälfte der Patienten in einer Ruhephase oder im Schlaf auf.

 

Migräneähnliche Attacken – Risikofaktor für Schlaganfall

Insgesamt ist die Beziehung zwischen Kopfschmerzen, Migräne und Schlaganfall sehr komplex. Sie können gleichzeitig ohne direkten Zusammenhang auftreten, es gibt aber auch zahlreiche Verbindungen zwischen diesen Krankheiten. Unter  dem Strich sind Kopfschmerzen und Migräne Risikofaktoren für Schlaganfälle.

Laut einer Metaanalyse ist bei Migräne-Patienten mit begleitender Aura-Symptomatik von einem etwa zweifach erhöhten Risiko für ischämische Schlaganfälle auszugehen. Rauchen und die Einnahme der Pille erhöhen dieses Risiko nochmals deutlich.

Insgesamt ist jedoch anzumerken, dass das Risiko eines Schlaganfalls bei Migräne-Patienten sehr niedrig ist. Migräne kann strukturelle Veränderungen im Gehirn verursachen, wie MRI-Untersuchungen belegen. Umgekehrt können strukturelle Gehirnläsionen sowohl Migräne-Attacken als auch Aura triggern.

Andererseits können Kopfschmerzen auch die Folge eines Schlaganfalls sein. Wobei nach einem hämorrhagischen Schlaganfall, also einer Hirnblutung, die Kopfschmerzneigung bei bis zu 50 Prozent liegt. Bei einem ischämischen Schlaganfall, also einem Hirninfarkt aufgrund eines Gefäßverschlusses, klagen in der Akutphase ca. 25% der Betroffenen über Kopfschmerzen.

 

Schlaganfall-ähnliche Migräne-Attacken nach Strahlentherapie (SMART-Syndrom)

Übrigens sind Schlaganfall-ähnlichen Migräne-Attacken eine seltene Komplikation nach einer Schädelbestrahlung, die man als Strahlentherapie-Syndrom (SMART) bezeichnet. Die Kopfschmerzen können dabei normalerweise mehrere Jahre nach der Strahlentherapie auftreten.

Die Schädelbestrahlung kommt bekanntlich sowohl prophylaktisch bei manchen Krebserkrankungen als auch zur Behandlung von Hirntumoren zum Einsatz. Damit sind aber eben verschiedene Komplikationen verbunden.

Es zeigen sich normalerweise Kopfschmerzen, Krampfanfälle sowie andere fokale neurologische Defizite in Bezug auf Schlaganfall. Die Schlaganfall-ähnlichen Migräne-Attacken beim Strahlentherapie-Syndrom sind aber meist ein reversibles Symptom.




Literatur:

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Quelle: Österreichische Gesellschaft für Neurologie; Österreichische Kopfschmerzgesellschaft

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