Empathie und das Vermögen zu verstehen

Menschen mit Empathie, die sich sehr gut in andere Personen einfühlen können, müssen diese nicht auch gut verstehen. Ganz im Gegenteil.

Menschen mit Empathie, die sich gut in andere einfühlen können, müssen diese allerdings nicht auch gut verstehen. Im Gegenteil zeigte sich in einer aktuellen Studie von Psychologen aus Würzburg und Leipzig, dass sehr viel Empathie das Verstehen sogar beeinträchtigen.

 

Empathie und Perspektivenübernahme

Wenn der beste Freund von seiner Partnerin verlassen wurde, muss der Zuhörer in diesem Moment zwei Leistungen vollbringen: Zum einen sollte er verstehen, dass sich hinter diesem gut klingenden Vorschlag eine Trennungsankündigung verbirgt. Zum anderen sollte er Empathie beweisen, Mitgefühl zeigen und dem Verlassenen Trost spenden. In wie weit Empathie (Einfühlung) und kognitive Perspektivenübernahme – also das Vermögen zu verstehen, was andere Menschen wissen, planen, wollen – miteinander zusammenhängen, haben die Psychologen Anne Böckler, Philipp Kanske, Mathis Trautwein, Franca Parianen-Lesemann und Tania Singer untersucht.

Anne Böckler – Juniorprofessorin am Institut für Psychologie der Universität Würzburg – erklärt dazu: „Eine erfolgreiche soziale Interaktion basiert auf unserer Fähigkeit, an den Gefühlen anderer teilzuhaben und deren Gedanken und Absichten zu verstehen.“

Ob und wie diese beiden Fähigkeiten miteinander zusammenhängen, war bislang unklar. Sind also beispielsweise Menschen, die sich sehr gut in ihr Gegenüber einfühlen können, ebenfalls so gut in der Lage, die Gedanken und Absichten des anderen gut zu verstehen? Beeinflussen sich die für diese Leistungen zuständigen neuronalen Netze gegenseitig?.

 

Ergebnisse der Studie

Die am Max-Planck-Institut in Leipzig im Rahmen einer groß angelegten Studie unter der Leitung von Tania Singer mit rund 200 Teilnehmern durchgeführte Studie brachte Antworten auf die Fragen. Die Forscher konnten zeigen, dass Menschen mit Empathie nicht notwendigerweise diejenigen sind, die andere Menschen kognitiv gut verstehen. Soziale Kompetenz scheint also auf verschiedenen und eher unabhängigen Fertigkeiten zu beruhen.

Auch was die Zusammenarbeit der verschiedenen Netzwerke im Gehirn betrifft, liefert die Studie neue Ergebnisse: Demnach interagieren die Netzwerke, die für Empathie und kognitive Perspektivenübernahme eine Rolle spielen, miteinander.

In sehr emotionalen Situationen – beispielsweise wenn jemand vom Tod eines Freundes erzählt – kann die Aktivierung in der Insula – eines Teils des Empathie-relevanten Netzwerkes – bei manchen Menschen einen hemmenden Einfluss auf Gehirnareale haben, die für die Perspektivenübernahme relevant sind. Und das wiederum führt dazu, dass überbordendes Mitgefühl soziales Verstehen sogar beeinträchtigen kann.

Die Teilnehmer dieser Studie sahen eine Reihe von Videosequenzen an, in denen der Erzähler mal mehr oder weniger emotional war. Anschließend sollten sie angeben, wie sie sich selbst fühlten, wie sehr sie mit der Person in dem Film mitgefühlt hatten und Fragen zu den Filmen beantworten – beispielsweise was die Personen gedacht, gewusst oder gemeint haben könnten. Nachdem die Psychologen auf diesem Weg Menschen mit einem hohen Maß an Empathie identifiziert hatten, untersuchten sie deren Anteil unter den Versuchsteilnehmern, die bei dem Test zur kognitive Perspektivübernahme gut beziehungsweise schlecht abgeschnitten hatten – und umgekehrt.

Mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie beobachteten die Wissenschaftler während ihrer Tests, welche Bereiche des Gehirns zu welchem Zeitpunkt aktiv waren.

Von Bedeutung sind die Ergebnisse dieser Studie nach Meinung der Autoren sowohl für die Neurowissenschaft als auch für die Anwendung in der Klinik. So legen sie beispielsweise nahe, dass Trainings, die das Ziel haben, soziale Kompetenz zu verbessern, die Bereitschaft sich in andere einzufühlen und die Fähigkeit, andere kognitiv zu verstehen und deren Perspektive einzunehmen, gezielt und getrennt voneinander fördern sollten.

Are strong empathizers better mentalizers? Evidence for independence and interaction between the routes of social cognition. Philipp Kanske, Anne Böckler, Fynn-Mathis Trautwein, Franca H. Parianen Lesemann, Tania Singer. Social Cognitive and Affective Neuroscience.

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