Dienstag, April 23, 2024

Zu Hause sterben wollen – Wunsch und Realität

Zwei von drei Menschen verbringen ihre letzten Lebensstunden an einem anderen Ort, obwohl sie eigentlich zu Hause sterben wollen.

Nach einer Studie vor fünf Jahren – aus dem Jahr 2016 – wollen nur sechs Prozent der Menschen im Krankenhaus oder Pflegeheim sterben . Zu Hause sterben wollen ist der weit größere Wunsch in der Bevölkerung. In der Realität sterben jedoch drei Viertel aller Menschen in solchen Institutionen. Diesen deutlichen Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit zeigte die Krankenkasse DAK in ihrem Pflegereport 2016.



 

Zu Hause sterben hätte viele Vorteile, 6 von 10 wollen das auch

Für den Report hatte das AGP Institut Sozialforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg für die DAK-Gesundheit erstmals untersucht, welche Wünsche, Vorstellungen und Erfahrungen die Menschen haben, wenn es ums Sterben geht. Die Analyse umfasst eine repräsentative Bevölkerungsbefragung zum Thema, Auswertungen von DAK-Statistiken sowie qualitative Interviews mit Menschen, die sterbende Angehörige begleitet haben. Laut Pflegereport stirbt im Krankenhaus jeder fünfte Patient allein. Außerdem sind demnach zahlreiche Krankenhausaufenthalte kurz vor dem Tod vermeidbar. Das verursacht unnötige Kosten und steht im Widerspruch zu den Wünschen der Betroffenen.

Laut DAK-Pflegereport sagen insgesamt 60 Prozent aller Befragten, dass sie zu Hause sterben möchten. 16 Prozent sind unentschlossen. Nur vier Prozent nennen das Krankenhaus, zwei Prozent das Pflegeheim. Die Tendenz ist noch deutlicher bei Menschen, die bereits Pflegeerfahrung haben. So sagen pflegende Angehörige zu 76 Prozent, dass sie zu Hause sterben möchten. Zu den Gründen sagen die meisten, dass die gewohnte Umgebung das Sterben erträglicher mache (73 Prozent) und dass es mehr Würde mit sich bringe (58 Prozent). Diese Ergebnisse lassen eine ausgeprägte Skepsis gegenüber der palliativen Versorgung in Kliniken und Heimen erkennen.

 

Dennoch sterben gut 75 Prozent aller Menschen in Deutschland im Krankenhaus oder Pflegeheim.

Vergleicht man diese Zahl mit den Wünschen, sterben 69 Prozent nicht dort, wo sie möchten. Hinzu kommt eine Tendenz zur weiteren Institutionalisierung des Sterbens, die sich aus den Beschreibungen der Sterbeprozesse von Angehörigen oder Freunden ergibt: Vor mehr als 20 Jahren starben 55 Prozent zu Hause und 6 Prozent im Pflegeheim. In den letzten fünf Jahren hingegen starben 32 Prozent zu Hause und 22 Prozent im Heim. Der Anteil derer, die im Krankenhaus starben, ist mit knapp 40 Prozent etwa gleich geblieben.

Gut jeder Fünfte hätte Angehörigen oder Freunden gewünscht, an einem anderen Ort zu sterben. Vor allem zu Hause sterben wurde als Wunschort angegeben (insgesamt 14,5 Prozent). Als Begründung wird meist die Erfahrung im Krankenhaus genannt: Sterbende seien dort an Maschinen angeschlossen und zum Zeitpunkt des Todes allein. Tatsächlich starb im Krankenhaus jeder fünfte, im Pflegeheim sogar jeder Dritte allein. Zu Hause waren es nur sieben Prozent, die zum Zeitpunkt des Todes niemanden bei sich hatten.



 
Große Bereitschaft, Pflege auch bis zum Tod zu übernehmen

Mehr als jeder Dritte würde sich zutrauen, jemanden bis zu dessen Tod zu pflegen. Vor allem Frauen geben das an (41 Prozent). Allerdings ist die Antwort von der Berufstätigkeit abhängig: Von den in Vollzeit beschäftigten Frauen traut sich jede Dritte die Aufgabe zu, von den Teilzeit arbeitenden Frauen ist es schon jede Zweite. Viele Befragte nennen Unterstützung von Angehörigen, Ehrenamtlichen und Professionellen als Bedingung.  Der DAK-Pflegereport zeigt jedenfalls eine große Bereitschaft, Pflege auch bis zum Tod zu übernehmen. Doch dafür bedarf es verlässlicher Strukturen vor Ort.

Nicht nur widerspricht das Sterben im Krankenhaus den Wünschen der meisten Menschen. Es belastet auch das Solidarsystem. Für den DAK-Pflegereport wurden Daten von gut 60.000 verstorbenen Versicherten ausgewertet, die vor ihrem Tod pflegebedürftig waren. 64 Prozent dieser Personen waren im letzten Quartal vor ihrem Tod im Krankenhaus. Gerade Klinikaufenthalte sind teuer: ihr Anteil an den Gesamtkosten in den letzten drei Monaten des Lebens beträgt 83 Prozent. Ein solcher Aufenthalt kostet im Schnitt knapp 9000 Euro.

Die große Zahl von prämortalen Krankenhauseinweisungen widerspricht dem Grundsatz ‚ambulant vor stationär‘ der Pflegeversicherung. Man kann davon ausgehen, dass viele davon vermeidbar sind.

Diese vermeidbaren Krankenhausaufenthalte belasten nicht nur die Solidargemeinschaft. Sie stehen auch im klaren Widerspruch zu dem, was sich die meisten Menschen wünschen, wenn sie sterben müssen. Hier ist es an uns als Krankenkasse, steuernd einzugreifen, und hier gehen wir gerne voran.

 
Qualitative Interviews mit Menschen, die Sterbende gepflegt und betreut haben, zeigen, dass Klinikaufenthalte oft die Folge insuffizienter Versorgung zu Hause sind.

Konstellationen, in denen die Anzahl der Beteiligten begrenzt war, provozierten Belastungssituationen. Der Abbau von Krankenhaus-Einweisungen geht nur mit einem Ausbau und der Re-Organisation ambulanter Versorgung. Es gelte, auch mit Blick auf die bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, Beratung und Entlastungsmöglichkeiten systematisch zu etablieren.

Die Ergebnisse des DAK-Pflegereports 2016 machten deutlich, dass das Hospiz- und Palliativgesetz nicht nur notwendig ist. Es muss auch dringend umgesetzt werden.“ Das Gesetz wurde Ende 2015 beschlossen und soll die palliative Versorgung vor allem im häuslichen Rahmen verbessern.

Zur besseren Organisation häuslicher Pflege entwickelt die DAK-Gesundheit jetzt eine spezielle App. Der DAK-Pflegeguide richtet sich an pflegende Angehörige. Er bietet Antworten auf wichtige Fragen und hilft bei der Berechnung der Ansprüche auf Pflegeleistungen. Außerdem hilft die App bei der Vernetzung mit Pflegeorganisationen und Gruppen pflegender Angehöriger in der Region. Der DAK-Pflegeguide ist das erste Angebot dieser Art.




Quelle: www.dak.de/

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