Montag, Juli 8, 2024

Cannabisblüten gegen Schmerzen vom Arzt verschreiben lassen

Ärzte können heute Cannabisblüten gegen Schmerzen und andere Beschwerden verschreiben, von einer Eigentherapie wird aber abgeraten.

Obwohl der Einsatz von Cannabis und Cannabinoide wie beispielsweise Cannabisblüten gegen Schmerzen zu therapeutischen Zwecken weit verbreitet ist, sind die unterschiedlichen Wirkungen sehr umstritten. Aus diesem Grund ist der medizinische Cannabiskonsum ein breites Forschungsfeld, das sich rasch erweitert. Dementsprechend ist die Evidenz für die medizinische Verwendung von Cannabis breit. Aufgrund methodischer Einschränkungen sind die Erkenntnisse in zahlreichen Studien jedoch schwach.

 

Cannabisblüten gegen Schmerzen

Durch das Gesetz zur „Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ vom 6. März 2017 dürfen Ärzte in Deutschland aller Fachrichtungen Cannabisblüten und Cannabisextrakte verschreiben. Unter dem Strich glauben sehr viele Patienten mit chronischen Schmerzen an Cannabis als ein wirksames SchmerzmittelDeswegen sehen sich auch viele Schmerzpraxen und Schmerzambulanzen mit mehr oder minder vehement vorgetragenen Forderungen von Patienten zur Rezeptierung von Cannabis konfrontiert.

Bei der Diskussion um den Nutzen von Cannabis in der Schmerz- und Palliativmedizin ist es wichtig, verschiedene Formen cannabishaltiger Medizin zu unterscheiden:

Nach den Qualitätskriterien einer evidenzbasierten Medizin liegt eine eingeschränkte Evidenz nur für das Rezepturarzneimittel THC/CBD-Spray vor, nicht jedoch für das Dronabinol, Medizinalhanf und Nabilon bei chronischen neuropathischen Schmerzen. Nach den Qualitätskriterien einer evidenzbasierten Medizin liegt keine ausreichende Evidenz für alle Cannabinoide bei allen anderen chronischen Schmerzsyndromen (beispielsweise Krebsschmerzen, Fibromyalgiesyndrom) oder Symptomen in der Palliativmedizin (beispielsweise Appetitverlust, Übelkeit) vor.

 

Cannabinoide in Kombinationstherapien anwenden

Cannabinoide sollten jedoch nicht als isoliertes Therapieverfahren, sondern in Kombination mit physiotherapeutischen und schmerzpsychotherapeutischen Verfahren Anwendung finden. Der Einsatz von Cannabinoiden in der Schmerz- und Palliativmedizin ist mit Ausnahme von chronischen neuropathischen Schmerzen als individueller Heilversuch anzusehen.

Bei der Verwendung von Cannabinoiden in der Schmerz- und Palliativmedizin sind relevante zentralnervöse und psychiatrische Nebenwirkungen zu beachten. Dazu zählen beispielsweise Benommenheit sowie Verwirrtheit und Psychosen.

 

Darreichungsformen

Aktuell sind 14 Sorten von Cannabisblüten gegen Schmerzen rezeptierbar. Die enthaltenen THC-Konzentrationen liegen zwischen 1 % und 22 % und CBD-Konzentrationen zwischen 0,05 % und 9 %. Allerdings fehlen Dosierungsangaben für einzelne Anwendungsgebiete. Wegen der gesundheitsschädlichen Folgen des Tabakrauchens hat sich die deutsche Bundesärztekammer gegen die Behandlung mit Medizinalhanf in Form von “Joints“ (Cannabisblüten mit Tabak gemischt) ausgesprochen.

Die Einnahme von Extrakten der Cannabisblüten als Tee oder über einen Vaporisator ist für Menschen, die keine Erfahrungen im Freizeitgebrauch von Cannabis haben, schwierig. Zudem ist sind dabei die Dosierungen unklar, die Anwendung kompliziert sowie die Verfügbarkeit im Körper sehr variabel. Deswegen lehnen viele Schmerzmediziner die Verschreibung von Cannabisblüten ab. Hingegen verschreiben sie im Falle von „schwerwiegenden Erkrankungen und bei fehlenden Therapiealternativen“ das Rezepturarzneimittel Dronabinol in Form von Tropfen oder Kapseln.


Literatur:

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Fitzcharles MA, Ste-Marie PA, Häuser W, Clauw DJ, Jamal S, Karsh J, Landry T, Leclercq S, Mcdougall JJ, Shir Y, Shojania K, Walsh Z. Efficacy, Tolerability, and Safety of Cannabinoid Treatments in the Rheumatic Diseases. A Systematic Review of Randomized Controlled Trials. Arthritis Care Res (Hoboken). 2016 May; 68 (5): 681-8.


Quelle:

Statement Allheilmittel Cannabis? – Wie Schmerzmediziner den Wirkstoff einordnen. Professor Dr. med. Winfried Häuser, Ärztlicher Leiter des Schwerpunkts Psychosomatik der Klinik Innere Medizin 1 des Klinikums Saarbrücken. Deutsche Schmerzgesellschaft e.V., Schmerzkongress 2017.

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