Samstag, März 2, 2024

Schwangerschafts-Diabetes und Diabetes-Risiko

Das Auftreten eines Schwangerschafts-Diabetes ist jener Faktor, der das Diabetes-Risiko bei Frauen am deutlichsten beeinflusst, der erste orale Glukosetoleranztest spielt hier eine wichtige Rolle.

Diabetes ist eine besonders komplexe Erkrankung: sie beeinträchtigt als Stoffwechselerkrankung den gesamten Körper – mit pathologischen Auswirkungen wie diabetisches Makulaödem (DMÖ) im Auge und diabetisches Fußsyndrom. Diabetes ist aber auch eine multifaktorielle Erkrankung, bei der viele unterschiedliche biologische und psychosoziale Ursachen und Risikofaktoren den Krankheitsverlauf beeinflussen. Von großer Bedeutung ist einerseits die Vorbeugung mit treffsicheren und erfolgreichen Präventionsmaßnahmen – wie beispielsweise bei Schwangerschafts-Diabetes.

Weiters sollten in inter- und mulitdisziplinären Teams personalisierte Therapien umgesetzt werden, in denen zusätzlich zur diabetologischen Expertise auf ärztlicher und pflegerischer Seite auch jene im Bereich der Lebensstilmodifikation durch spezielle Coaches für Ernährung und Bewegung gewährleistet ist.

Data Science und Diabetes

Ein gutes Beispiel für Data Science und Diabetes ist eine Erhebung, bei der alle Menschen die Diabetes-Medikamente verschrieben bekommen haben, in anonymisierter Form mit allen ihren Spitalsdiagnosen erfasst wurden. Prinzipielle Unterschiede zwischen Männern und Frauen wurden gefunden, speziell auch bei Tumoren, von denen Männer mit Diabetes insgesamt stärker betroffen waren. Durch eine Diabeteserkrankung steigt somit statistisch auch das Risiko für bestimmte Tumorerkrankungen, besonders unter Medikamenten, die die Insulinspiegel stark erhöhen. ABER durch eine gleichzeitige Behandlung mit Cholesterinsenkern (Statinen) sinkt dieses Risiko wieder auf den Faktor von Nicht-Diabetikern. Durch Data Science wurden Korrelationen sichtbar gemacht und auf dieser Basis können zielgerichtet weitere Forschungen stimuliert und neue Behandlungsempfehlungen entwickelt werden.

 

In einer weiteren Big Data Erhebung, wurden Menschen mit Diabetes (in anonymisierter Form) nach Ihrem Geburtsdatum geclustert. Und es zeigte sich eine signifikante Häufung in den „Hungerjahren“ um den ersten und zweiten Weltkrieg. Die Aussage, die aufgrund der Erhebung getroffen werden kann ist, dass alle die in einer Zeit geboren wurden, in der Mangelernährung herrschte, ein erhöhtes Diabetes-Risiko haben. Bei Männern ist dieses Risiko noch höher als bei Frauen. Dies ließ sich im Rahmen der Datenerhebung auch auf die verschiedenen Bundesländer herunter rechnen.

 

Schwangerschafts-Diabetes und Diabetes-Risiko

Heute gibt es zwei häufige Phänomene, die den selben Effekt haben: in Europa oft aus psychischen Gründen wie Anorexie und Bulimie oder nach bariatrischen Operationen auftretende Unterernährung und Überernährung. Beides führt zu einem erhöhten Diabetes-Risiko beim Kind. Aus diesen Erkenntnissen lassen sich auch direkt Aufträge für die Prävention ableiten. Alle Maßnahmen, die angemessene und ausgewogene Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft fördern, schützen deren zukünftige Kinder vor Diabetes. Dies ist auch ein essentieller Grund für die umfassende Begleitung von werdenden Müttern mit Schwangerschaftsdiabetes, da auch dieser, wenn er nicht optimal behandelt ist, zu einer Über- oder Unterernährung führen kann. Außerdem sollen auch Kinder diabetischer Mütter durch interdisziplinäre Zusammenarbeit in ihrer weiteren Entwicklung besser überwacht werden und auf eine gesunde Lebensweise besonders geachtet werden.

Das Auftreten eines Schwangerschafts-Diabetes ist auch der Faktor, der das Diabetes-Risiko bei Frauen am stärksten beeinflusst. 50 bis 70 Prozent erkranken in den nächsten 10 bis 15 Jahren. Eine Gewichtszunahme und Adipositas sind besonders starke Risikofaktoren. Mit dieser Erkenntnis kann gezielte Prävention betrieben werden. Kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Blutfette, Blutdruck und Gewicht müssen neben den Blutzuckerwerten regelmäßig weiter kontrolliert werden.

Besonders wichtig für die weitere Risikoabschätzung und für den Start einer gezielten intensiven Lebensstil-Intervention ist der erste orale Glukosetoleranztest (OGTT) sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt, der auch zur Neubeurteilung der Glukosetoleranz basierend auf Studien und internationalen Guidelines notwendig ist. Diese Maßnahmen machen das Screening auf Schwangerschafts-Diabetes kosteneffizient! Die Nachbeobachtung der Blutzuckerwerte ist im Mutter-Kind-Pass derzeit nicht geregelt. Bisher wird meist nur direkt nach der Geburt der Blutzucker kontrolliert, was auch bei unauffälligen Werten nicht bedeutet, dass die Mutter kein höheres Diabetes-Risiko hat.

Die Compliance der frischgebackenen Mütter zur Nachkontrolle durch OGTT ist in Österreich derzeit aber mit ungefähr 30 Prozent sehr schlecht. Die meisten Mütter kommen erst wieder nach Jahren mit einem manifesten Diabetes oder Komplikationen zum Arzt. Eine gute Möglichkeit, um Mütter sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt zum Zuckerbelastungstest zu bringen, wäre eine Aufnahme dieser Untersuchung in den Mutter-Kind-Pass.

Mit der Untersuchung nach sechs bis zwölf Wochen, wenn sich erste Routinen eingestellt haben und die akuten Geburtsbelastungen weggefallen sind, lassen sich das Risiko für einen auf den Schwangerschafts-Diabetes folgenden Diabetes mellitus Typ 2 abschätzen und die daraus folgenden notwendigen Präventions- oder Interventionsmaßnahmen ableiten.

Quelle:

» Diabetes ist komplex «– Statement von Univ. Prof.in Dr.in Alexandra Kautzky-Willer, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Medizinische Universität Wien, Präsidentin der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG)

 

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