Donnerstag, Juli 4, 2024

Opioide-Schmerzmittel bei chronischen Schmerzen durch Arthrose

Die Anwendung von Opioiden als Schmerzmittel bei Arthrose-Patienten mit chronischen Schmerzen verdreifachte sich nahezu innerhalb von 10 Jahren.

Unter dem Strich sind Opioide reine Schmerzmittel für schwere, chronische Schmerzen bei Verschleisserkrankungen am muskuloskeletalen System (zum Beispiel Wirbelbrüche) einsetzen sollten. Und zwar entsprechend der Leitlinien aufgrund der vielfältigen Nebenwirkungen. Zudem im Gegensatz zu Medikamenten, die gezielt die Entzündung als eigentliche Ursache der Schmerzen bei den verschiedenen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen bekämpfen. In jüngerer Zeit werden Opioide als Schmerzmittel aber aufgrund der zunehmend freien Verfügbarkeit routinemässig bei Arthrose-Patienten mit chronischen Schmerzen eingesetzt.

 

10-Jahresdaten zur Anwendung von Opioiden als Schmerzmittel gegen chronische Schmerzen bei Arthrose untersucht

Der Problematik der Anwendung der Opioide-Schmerzmittel bei chronischen Schmerzen durch Arthrose widmeten sich unlängst Forscher in einer Kohortenstudie über zehn Jahre. Ziel war die Untersuchung der Entwicklung in diesem Sinne. Und zwar im Zeitraum von 2007 bis 2016 in Spanien. Die Forscher untersuchten weiter den Einfluss von Patientencharakteristika auf den Konsum von Opioide.

Man hat hierzu alle Personen einbezogen, die zu Beginn eines jeden Kalenderjahres 18 Jahre oder älter waren. Und die im Studienzeitraum die Diagnose einer Arthrose bekommen hatten. Einschließlich der Wirbelsäulen- sowie peripherer Gelenke. Der Beobachtungszeitraum des Opioidkonsums betrug zudem 1 Jahr nach Stellung der Diagnose.

Zu den erfassten Opioiden gehörten Codein, Tramadol, Fentanyl sowie Morphin. Wobei anzumerken ist, dass man die drei letztgenannten als starke Opioide normalerweise nur für schwere Tumorschmerzen einsetzt. Das Profil des Opioidkonsums wurde für die Gesamtbevölkerung und die Subpopulation analysiert. Mit anderen Worten hat man sie nach Geschlecht, Alter, sozioökonomischem Status und Wohngebiet (ländlich/urban) eingeteilt.

Ergebnisse

Die 1-Jahres-Prävalenz jeglichen Konsums der Opioide als Schmerzmittel unter Patienten mit Arthrose lag von 2007 bis 2012 bei etwa 15 Prozent. Danach stieg diese Zahl um zehn Prozent und näherte sich 2016 25 Prozent.

Der starke Opioidkonsum stieg weiter kontinuierlich an und verdreifachte sich fast. Und zwar von 8 Prozent im Jahr 2007 auf 20 Prozent im Jahr 2016. Die verschiedenen Untergruppen folgten im Laufe der Zeit ähnlichen Trends.

Wobei die Frauen vier Prozent mehr Opioide als die Männer erhielten. Außerdem die älteren Patienten zehn Prozent mehr als die jüngsten Patienten. Weiter die ärmeren sechs Prozent mehr als die weniger armen und in den ländlichen Gebieten mehr als in städtischen.

 

Schlussfolgerung der Autoren

Der Einsatz von Opioiden (und insbesondere von starken Opioiden) hat in den letzten Jahren bei neu diagnostizierten Patienten mit Arthrose in Katalonien erheblich zugenommen.

Aufgrund der erheblichen Nebenwirkungen, der potenziellen Abhängigkeit und einer gesteigerten Mortalität fordern die Autoren daher dringende Maßnahmen für eine sicherere Verschreibung von Opioiden, um den Opioidmissbrauch bei Patienten mit Arthrose zu vermeiden. Insbesondere bei älteren Frauen, die in ländlichen Gebieten leben.

 

Risiken durch Opioide als Schmerzmittel bei Arthrose

Eine weitere Studie (DOI: 10.1136/annrheumdis-2020-eular.1725) von Jani et al. mit zwei Millionen englischen Schmerzpatienten (keine Tumorpatienten) fand zusätzlich heraus, dass circa 30 Prozent Verschreiber bei der überstarken Zunahme des Opioidgebrauchs eine gewichtige Rolle spielen. Das Risiko, ein Langzeit-Opioid-Patient zu werden, lag für die Patienten, die bei den Vielverschreibern in Behandlung waren, mehr als 3.5 Mal höher als im Durchschnitt.

Eine weitere Studie (4017) untersuchte fast 150.000 Patienten (ebenfalls keine Tumorpatienten) über 65 Jahre aus den USA. Dabei stellte man fest, dass mindestens 16% der Patienten nach ihrer Knieprothesenoperation über ein Jahr hochdosiert Opioide bekamen. Ein Hauptrisikofaktor für diese hohen Opioiddosierungen war die Gewöhnung daran. Das heißt, insbesondere die Patienten, die (unnötigerweise) vorher schon Opioide bekommen hatten, steigerten diese nach der Operation nochmals.

Darüber hinaus zeigt eine Studie aus Island (DOI: 10.1136/annrheumdis-2020-eular.2587), dass Opiode auch nach Behebung der Schmerzursachen häufig nicht abgesetzt, sondern ihr Verbrauch eher noch gesteigert werde. So ist bei Patienten mit entzündlichen Gelenkerkrankungen die Dosis ihrer Opiode selbst nach der Behandlung mit präzise wirksamen Entzündungshemmern wie TNF-Inhibitoren eher gesteigert worden, anstatt sie abzusetzen.

 

Empfehlungen zur Therapie von Schmerzen mit Opioiden

Bei nicht operablen Patienten oder bei Patienten, die für kurze Zeit bis zu einer Operation begleitet werden, kann man den kurzfristigen Einsatz von schwachen Opioiden in Erwägung ziehen. Opioide der Stufe 2 WHO, wie zum Beispiel Tramadol, sollte man primär dann einsetzen, wenn Medikamente der Stufe 1 unwirksam sind oder andere Gründe gegen ihren Einsatz spricht.

Opioide sollten dann kurzfristig in der niedrigsten wirksamen Dosis zum Einsatz kommen. Denn hierzu gilt es jedoch zu bedenken, dass die unerwünschten Wirkungen deutlich höher sind als bei einem Placebo . Damit können viele Patienten diese Therapie nicht fortführen. Opioide haben bei der Behandlung von Patienten mit Arthrose mit Schmerzmittel eine signifikante Komorbidität. Man sollte sie nur in Extremsituationen anwenden.

Auch bei den aktuellen Empfehlungen der EULAR findet sich keine Empfehlung für Opioide.


Literatur:

AWMF S2k-Leitlinie Gonarthrose, Federführende Fachgesellschaft DGOOC, AWMF Registernummer: 033-004. 2018

AWMF S2k-Leitlinie Coxarthrose, Federführende Fachgesellschaft DGOOC, AWMF Registernummer: 033-001. 2019

Kloppenburg M, Kroon FP, Blanco FJ, et al. 2018 update of the EULAR recommendations for the management of hand osteoarthritis. Ann Rheum Dis. 2019;78(1):16‐24. doi:10.1136/annrheumdis-2018-213826

Musich S, Wang SS, Schaeffer JA, Slindee L, Kraemer S, Yeh CS. Safety Events Associated with Tramadol Use Among Older Adults with Osteoarthritis [published online ahead of print, 2020 Mar 2]. Popul Health Manag. 2020;10.1089/pop.2019.0220. doi:10.1089/pop.2019.0220

Trouvin AP, Berenbaum F, Perrot S. The opioid epidemic: helping rheumatologists prevent a crisis. RMD Open. 2019;5(2):e001029. Published 2019 Aug 6. doi:10.1136/rmdopen-2019-001029

EULAR Abstract No. 3070: Temporal trends of opioid use among incident osteoarthritis patients in Catalonia, 2007-2016: a population-based cohort study, Xie et al., DOI 10.1136/annrheumdis-2020-eular.3070

EULAR Abstract No.: 2587: Initiating TNF inhibitors in inflammatory arthritis does not decrease the average opioid analgesic consumption. Olafur Palsson et al. DOI: 10.1136/annrheumdis-2020-eular.2587


Quelle:

European E-Congress of Rheumatology 2020 (EULAR 2020)

Statement »Verschreibung von Opioiden bei Arthrose – mehr als ein “Trend”?«. Professor Dr. med. Ulf Müller-Ladner, EULAR Standing Committee for Clinical Affairs Past-Chair. Ärztlicher Direktor der Abteilung für Rheumatologie und Klinische Immunologie Kerckhoff-Klinik GmbH, Bad Nauheim.

EULAR Abstract No. 3070: Temporal trends of opioid use among incident osteoarthritis patients in Catalonia, 2007–2016. A population-based cohort study, Xie et al., DOI 10.1136/annrheumdis-2020-eular.3070

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