Donnerstag, Juli 11, 2024

Bei Hightech-OP Fehlinvestitionen vermeiden

Der moderne Hightech-OP – medizinisch und klinisch sinnvolle Investition in die Zukunft – muss als Gesamtsystem mit dem darin tätigen Personal betrachtet werden.

Hightech Chirurgie OP. Die Chirurgie und damit auch der Operationssaal haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Die Zunahme minimalinvasiver Operations‐ und Interventionstechniken hat den Stellenwert einer „indirekten“ Visualisierung der Patientenanatomie durch intraoperative Bildgebung in den letzten Jahren deutlich erhöht. Computerunterstützung und robotische Assisstenzsysteme sind stark im Kommen.

Voller Hightech – Hyprid-OP

Der OP der Zukunft ist voller Hightech und man kann sagen: „Der Raum (mit allen dort Tätigen) ist das System. Neue Techniken und neuartige Implantate, vor allem in der kardiovaskulären Chirurgie, haben zur Entwicklung eines spezialisierten Operationsraums, des sogenannten Hybrid-OP geführt. In diesem Raum ist Highend-Bildgebung (in der Regel mittels Angiografiesystem) verfügbar. Dass dies keine Einzelfälle an hochspezialisierten Universitätskliniken sind zeigt die Tatsache, dass es in Deutschland mittlerweile mehr als 200 Hybrid‐OPs gibt. Auch kleine und mittlere Häuser planen jetzt eine solche Investition oder haben sie bereits realisiert. Darüber hinaus entwickeln sich weitere Anwendungsgebiete zum Beispiel in Neurochirurgie, Traumatologie und Orthopädie, Mund‐Kiefer‐ und Gesichtschirurgie, Urologie und Allgemeinchirurgie. So können diese Hightech Operationsräume zunehmend interdisziplinär genutzt werden, was insbesondere in kleinen und mittleren Häusern relevant für die Wirtschaftlichkeit ist.

Diese Entwicklung hat zahlreiche Auswirkungen auf Planung und Betrieb des Operationsbereichs und natürlich auch auf die erforderlichen Qualifikationen der dort tätigen Mitarbeiter. Insbesondere eine sorgfältige Planung und eine straffe Projektorganisation in der Umsetzung sind Erfolgsfaktoren für gute klinische Ergebnisse und wirtschaftliche Nutzung. Wegen der Komplexität des Projektes und der erheblichen Investitionen ist die Durchführung einer projektspezifischen Wirtschaftlichkeitsanalyse für eine fundierte Investitionsentscheidung sinnvoll. Eine interdisziplinäre Nutzung zur optimalen Auslastung erhöht typischerweise die Komplexität im Projekt. Daher sollte grundsätzlich ausreichend Zeit und Aufwand in die Grundlagenermittlung sowie die Planungs‐ und Konzeptionsphase investiert werden und alle Interessensgruppen am Projekt beteiligt sein. Die Planung sollte sich am klinischen Workflow orientieren und in einem einzigen „Masterplan“ zusammengefasst werden, der alle Gewerke (typischerweise Medizintechnik, Technische Gebäudeausstattung, Bau) berücksichtigt. Eine Visualisierung in 3-D erleichtert die Abstimmung mit den Nutzern. Auch der Einsatz von Building Information Modelling (BIM) hilft, eine erfolgreiche Umsetzung sicherzustellen. Einen allgemeinen Standard bezüglich Ausstattung, Design und Planung für solche Operationsräume gibt es wegen der hohen Variabilität der klinischen Anforderungen und bei Baumaßnahmen im Bestand naturgemäß nicht.

Die beste Planung und Technologie ist allerdings nutzlos, wenn sie nicht eingesetzt wird. Es finden sich in der Praxis immer wieder Beispiele, dass die teuren, hochmodernen OP-Räume nicht adäquat ausgelastet sind. Über eine „optimale“ Auslastung sei an dieser Stelle gar nicht zu reden. Häufig wurde in diesen Fällen das Fachpersonal unzureichend eingewiesen/geschult oder es gibt erhebliche Berührungsängste mit der Technologie. Ursache ist in den meisten Fällen, dass viel zu spät mit der Schulung und Weiterbildung begonnen wurde. Dazu gehört auch die Standardisierung von Arbeitsabläufen. Nur so kann ein Workflow-orientiertes Konzept für den Betrieb definiert und erfolgreich umgesetzt werden. Dies betrifft alle Berufsgruppen. Wegen der speziellen Arbeitsabläufe, medizinischen Geräte und der erforderlichen interdisziplinären Zusammenarbeit gibt es nämlich zahlreiche neue Herausforderungen im täglichen Betrieb. Bei der Investition sollte deshalb unbedingt bedacht werden, das Personal für die speziellen Anforderungen an die moderne bild‐ und computergestützte Therapie im chirurgischen Umfeld umfassend und adäquat zu qualifizieren. Zu den Inhalten gehören nicht nur die Bedienung des Gerätes, sondern auch die Grundlagen der modernen Bildgebung und ‐nachverarbeitung, die Möglichkeiten des Strahlenschutzes, die Patientenlagerung sowie die Organisation der Bestellung und der Lagerung interventioneller Materialien. Auch die entsprechende Material- und Instrumentenkunde sowie die erforderlichen Grundkenntnisse der medizinischen Aspekte der Prozeduren sollten Gegenstand der Aus‐, Fort‐ und Weiterbildungsmaßnahmen sein. Wegen der Herausforderungen in der interdisziplinären Zusammenarbeit sind spezifische Kommunikationstrainings sinnvoll. Es gilt also, nicht nur an die Investitions‐ und Betriebskosten zu denken, sondern auch die Qualifizierungskosten umfassend zu berücksichtigen. Dies gilt auch für die technische Realisierung und medizintechnische Betreuung des neuen Hightech-Raumes. Technische Kenntnisse allein sind nicht mehr ausreichend, es ist auch ein entsprechendes Wissen um die klinischen Abläufe und Prozeduren erforderlich. Die Schnittstellenkompetenz an der Grenze von Medizin und Technik wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor in der Realisierung solcher Projekte. Anhand von Beispielen aus der Praxis werden diese Argumente im Vortrag verdeutlicht.

Der moderne Hightech‐OP ist eine medizinisch und klinisch sinnvolle Investition in die Zukunft und muss als ein Gesamtsystem mit dem darin tätigen Personal betrachtet werden. Durch ihn kann die moderne, minimalinvasive, bild‐ und computergestützte Therapie in der Patientenversorgung zielführend eingesetzt werden. In das Projekt sind alle relevanten Interessensgruppen umfassend einzubinden. Als kritische Erfolgsfaktoren sind eine Workflow-orientierte Planung und Konzeption, professionelles Projektmanagement in der Umsetzung, „ganzheitliche Budgetierung“ und gezielte Personalqualifizierung unbedingt zu berücksichtigen. Auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist von Anfang an zu achten. All dies sorgt dafür, dass nicht nur ein ungenutztes teures Hightech-Spielzeug entsteht, sondern ein Werkzeug für eine bessere medizinische Versorgung zum Wohl der Patienten.

Quelle:

Statement » Fehlinvestitionen vermeiden: Masterpläne für Bau und Nutzung von Hightech-OPs « von Prof. Dr. Clemens Bulitta, Leitung Institut für Medizintechnik, Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden, Weiden anlässlich der MEDICA EDUCATION CONFERENCE 2016 in Düsseldorf.

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