Auch mit Querschnittlähmung geht es weiter

Kongressbericht 30. Jahrestagung der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie: „Auch mit Querschnittlähmung geht es weiter!“

Mit großem Erfolg ging die 30. Jahrestagung der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie (DMGP) e. V., in Ulm zu Ende.  „Auch mit Querschnittlähmung geht es weiter! Eine Standortbestimmung gestern, heute und morgen!“ – das diesjährige Tagungsmotto wies auf die enormen Fortschritte und Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte in diesem Bereich hin.

„Entsprechend dem zukunftsweisenden partnerschaftlichen und multiprofessionellen Ansatz der DMGP wurden alle Berufsgruppen, die in der Behandlung und Rehabilitation Querschnittgelähmter beteiligt sind, mit einbezogen“, betonte Tagungspräsident Dr. med. Yorck-Bernhard Kalke, MBA, Orthopädische Universitätsklinik Ulm, Sektionsleiter des Querschnittgelähmten-Zentrums. „Ausgehend von der Vergangenheit wurde der heutige Standpunkt kritisch beleuchtet und nach den  Aufgaben für die Zukunft gefragt, um den Patienten und Angehörigen bestmöglich zu helfen und ihre Situation nachhaltig zu verbessern, so dass sie aktiv am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen.  Wir haben gezeigt, dass es auch mit Querschnittlähmung weitergeht!“

Das Thema Querschnittlähmung sowie deren gesellschaftliche und soziale Aspekte wurden aus Sicht der Betroffenen, der Ärzte und Therapeuten sowie des gesamten Umfeldes ganzheitlich vorgestellt. Mit den rund 750 Teilnehmern wurden wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zur bestmöglichen Betreuung, Behandlung und möglichen Heilung diskutiert. Es wurde über neue Entwicklungen berichtet wie zur vielversprechenden europaweiten Exoskelett-Studie, an dem neun Top-Zentren für Querschnitt beteiligt sind – darunter auch das Querschnittgelähmten-Zentrum der Orthopädischen Universitätsklinik am RKU –, und zum NISCI-Programm (Nogo-Inhibitors in Spinal Cord Injury), das an einigen großen Zentren in diesem Jahr anläuft und Hinweise darauf gibt, dass die Lähmung – zumindest innerhalb des ersten Zeitfensters – heilbar werden könnte.

Ein weiteres wichtiges Tagungsthema war die Versorgung mit Hilfsmitteln bei Querschnittgelähmten. Dr. med.  Jörn Bremer, Leitender Oberarzt und Facharzt für Urologie, Querschnittgelähmten-Zentrum BDH-Klinik Greifswald und Dr. med. Ralf Böthig, Leitender Arzt Neuro-Urologie, BG Klinikum Hamburg,  stellten das Ergebnis einer aktuellen multizentrischen Studie vor, die den Heilmittelbedarf bei Querschnittgelähmten erfasst und feststellt, dass diese durch die Leistungen der Krankenkassen bei weitem nicht gedeckt werden – demnach sei z.B. der Bedarf auf 4-5 Katheter am Tag viel zu niedrig eingestuft. In der Diskussion herrschte Einigkeit darüber, dass in diesem Bereich noch nachgebessert werden müsste: von einer standardisierten Durchschnittsversorgung hin zu einer individuellen bedarfsorientierten Versorgung.

Hochkarätige Festredner rundeten das vielfältige Programm ab wie der Benediktinerpater Anselm Grün und der Neuro-Wissenschaftler Manfred Spitzer sowie internationale Festgäste wie Nazirah Hasnan aus Malaysia, Stephen Muldoon aus Nordirland, Francois Theron aus Südafrika und Manfred Sauer, einer der letzten Patienten, die noch von dem Begründer der Paralympischen Spiele Sir Ludwig Guttmann behandelt wurden.

Die 31. Jahrestagung der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie (DMGP) e. V. findet vom 16. bis 19. Mai 2018  in Klosterneuburg/ WIen statt. Kongresspräsidentin ist Prim. Dr. Karin Gstaltner, Ärztliche Leiterin AUVA-Rehabilitationszentrum Weißer Hof, Klosterneuburg.


Hintergrund:

In Deutschland erleiden jedes Jahr 2000 bis 2500 Menschen eine Querschnittlähmung. Es sind vor allem junge Männer, bei denen das Rückenmark durch einen Sport- oder Verkehrsunfall verletzt wurde. Zunehmend sind aber auch ältere Patienten betroffen, bei denen die Querschnittlähmung meistens eine Folge von  Erkrankungen ist. Die 1985 gegründete DMGP verbreitet Kenntnisse über die umfassende Behandlung von Querschnittgelähmten, fördert die Fortbildung aller beteiligter Berufsgruppen und bietet Arbeitskreise zu aktuellen wissenschaftlichen Fragen. Außerdem koordiniert die DMGP die Zusammenarbeit mit internationalen Fachgesellschaften und fördert wissenschaftliche Arbeiten zur Querschnittlähmung mit dem Ludwig-Guttmann-Preis. Für das Jahr 2017 wurde der Prof. Friedrich-Wilhelm Meinecke-Gedächtsnispreis ausgeschrieben und an die Verfasser der beiden am besten bewerteten Abstracts der Jahrestagung verliehen.

Sir Ludwig Guttmann förderte den Behindertensport und begründete die Paralympischen Spiele. 1948 führte er den ersten sportlichen Wettkampf für Behinderte durch – ein Bogenschießen, an dem 16 Männer und Frauen mit Rückenmarksverletzungen teilnahmen. 1952 beteiligten sich 130 Sportler aus verschiedenen Ländern an den Wettkämpfen. 1956 bekam Ludwig Guttmann eine Würdigung für seinen Beitrag zur Förderung der olympischen Idee und 1960 wurden in Rom zum ersten Mal die Paralympischen Spiele durchgeführt, die seitdem meistens nach den Olympischen Spielen in der gleichen Stadt stattfinden.

Prof. Dr. med. Friedrich-Wilhelm Meinecke, bis 1988 Chefarzt des Querschnittgelähmtenzentrums des BG Unfallkrankenhauses Hamburg, war Gründungs- und Ehrenmitglied der DMGP sowie Society Medal Holder der International Spinal Cord Society (ISCoS) und ist 2012 verstorben.

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