Freitag, Juli 5, 2024

Besseres Kurzzeitgedächtnis: Rückwärts gehen mit positiver Wirkung aufs Gehirn

Schlüssel oder Brillen verlegt? Anstatt nachzudenken, bietet Rückwärts Gehen eine erstaunliche Wirkung aufs Gehirn für ein besseres Kurzzeitgedächtnis.

Im Grunde genommen ist der Zusammenhang zwischen Bewegung und zeitlichem Denken schon länger bewiesen. Deswegen ist es überraschend, dass nicht schon früher eine Studie prüfte, ob rückwärts gehen das Gedächtnis und das Erinnern verbessern könnte. Nun analysierten Forscher in sechs Experimenten mit 114 Probanden, ob rückwärts gehen eine bessere Wirkung auf das Gehirn und das Kurzzeitgedächtnis entfaltet als Vorwärtsbewegung oder Nichtbewegung. Die veröffentlichte Studie ergab, dass Personen, die rückwärts gehen beziehungsweise sich vorstellen, dass sie rückwärts gehen, jedenfalls ein besseres Kurzzeitgedächtnis hatten. Außerdem konnten sich sogar jene Teilnehmer besser an kürzlich vergangene Ereignisse erinnern, wenn sie nur ein Video schauten, das rückwärts gehen simulierte. In all diesen Fällen verbesserte sich das Kurzzeitgedächtnis gegenüber Probanden, die vorwärts gingen oder still blieben.

 

Studiendesign

In der Studie sahen manche Teilnehmer ein Video eines inszenierten Verbrechens (Experimente 1, 3 und 5). Weiter eine Wortliste (Experimente 2 und 4) sowie eine Reihe von Bildern (Experiment 6). Dann gingen sie vorwärts oder rückwärts (Experimente 1 und 2), sahen sich ein vorwärts oder rückwärts gerichtetes optisches Flussinduziervideo an (Experimente 3 und 4). Oder sie stellten sich vor, dass sie vorwärts oder rückwärts gehen (Experimente 5 und 6). Zum Schluss beantworteten die Probanden Fragen zum Video oder erinnerten sich an Worte oder Bilder. Die Ergebnisse zeigten eindrucksvoll, dass die bewegungsinduzierte, auf die Vergangenheit gerichtete mentale Zeitreise die Gedächtnisleistung für verschiedene Arten von Informationen verbesserte. Die Wissenschaftler sprachen von einem Zeitreise-Effekt.

 

Ungeklärt, warum das Rückwärts gehen kognitive Leistungen in Schwung bringt

Warum rückwärts gehen das Kurzzeitgedächtnis beflügelt, ist aber  nach wie vor ein Rätsel, kommentiert Dr. Daniel Schacter von der Abteilung für Psychologie an der Harvard University. Offenbar können Menschen in die Vergangenheit rückwärts gehen, und irgendwelche Erinnerungen auslösen zu können.

„Wir wissen, dass der rückwärts gehen Effekt nichts damit zu tun hat, wie das Gehirn gewisse Informationen verschlüsselt hat“, erklärte Dr. Schacter. Schließlich liefen die Leute ja nicht rückwärts, als sie die in dieser Studie provozierten Erinnerungen im Gedächtnis speicherten. Zukünftig sind weitere Studien erforderlich, um die Mechanismen herauszufinden.

In fünf der sechs Experimente war das Gedächtnis besser, wenn sich die Menschen rückwärts bewegten, als wenn sie sich vorwärts bewegten. Im Durchschnitt dauerte der Schub für das Gedächtnis 10 Minuten, nachdem die Menschen aufgehört hatten, sich zu bewegen. In einem inszenierten Kriminalfall sahen die Teilnehmer beispielsweise ein Video von einer Frau, der man in einem Park ihre Tasche stahl. Die Forscher testeten, wie gut die Menschen 20 Fragen zum simulierten Verbrechen beantworten konnten. Es zeigte sich, dass Menschen, die Rückwärtsbewegungen machten, signifikant häufiger mehr Fragen richtig beantworten konnte.

 

Denkbare Anwendungen

Unter dem Strich meint Dr. Schacter, dass rückwärts gehen eines Tages die bereits vorhandenen Techniken zur Steigerung des Gedächtnisses erweitern könnte. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem kognitiven Interview, dass den Menschen hilft, sich an Details eines kürzlichen Ereignisses zu erinnern. Beispielsweise, wenn man sie zu einem Verbrechen befragt.

„Im Grunde genommen versuchen Interviewer, so viele genaue Informationen wie möglich zu erhalten, ohne ein falsches Gedächtnis zu provozieren“, erklärt Dr. Schacter. „Sie tun dies, indem sie die Person metaphorisch durch das Ereignis vorwärts und rückwärts führen. Möglicherweise könnte rückwärts gehen Ähnliches im Gehirn bewirken.“

Die Verwendung von Rückwärtsbewegungen könnte möglicherweise das kognitive Interview verbessern oder als separate Technik verwendet werden, sagt er. In diesem Sinne sollen auch Vorwärtsbewegungen zukünftige Bewegungen antizipieren helfen können.

Eine Schlüsselfrage, die noch zu beantworten ist, ist jedoch, ob die Technik ein genaues Abrufen von Ereignisse im Alltag fördert, sagt Dr. Schacter. „Es ist wirklich zu früh, um zu sagen, ob es praktische Anwendungen geben würde“, sagt er. Vielleicht könnten bewegungsbasierte Gedächtnishilfen zukünftig auch älteren Erwachsenen oder Menschen mit Demenz unterstützen.


Literatur:

Ferreri L, Versace R, Victor C, Plancher G. Temporal Predictions in Space: Isochronous Rhythms Promote Forward Projections of the Body. Front Psychol. 2022 May 4;13:832322. doi: 10.3389/fpsyg.2022.832322. PMID: 35602686; PMCID: PMC9115380.

Stendardi D, Biscotto F, Bertossi E, Ciaramelli E. Present and future self in memory: the role of vmPFC in the self-reference effect. Soc Cogn Affect Neurosci. 2021 Dec 30;16(12):1205-1213. doi: 10.1093/scan/nsab071. PMID: 34086968; PMCID: PMC8716844.

Mieth L, Bell R, Buchner A. The „Mnemonic Time-Travel Effect“. Exp Psychol. 2019 Nov;66(6):437-442. doi: 10.1027/1618-3169/a000461. Epub 2019 Dec 11. PMID: 31823696.

Aksentijevic A, Brandt KR, Tsakanikos E, Thorpe MJA. It takes me back: The mnemonic time-travel effect. Cognition. 2019 Jan;182:242-250. doi: 10.1016/j.cognition.2018.10.007. Epub 2018 Oct 24.

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