Mittwoch, Juli 17, 2024

Vierlinge für 65-Jährige

Am 19. Mai 2015 kamen an der Charité in Berlin in der 26. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt Vierlinge zur Welt. Was an sich schon sehr selten vorkommt, wird durch die Tatsache überboten, dass die Mutter 65 Jahre alt ist.

 

Ukrainische Reproduktionsmediziner hatten der deutschen Grundschullehrerin und Mutter von bereits 13 Kindern im vergangenen Herbst vier Embryonen eingesetzt, was von vielen Medizinern sehr kritisiert wurde. Nach der Geburt sagt Prof. Dr. Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité, zum Gesundheitszustand seiner Patientin: „Der Mutter geht es soweit gut und sie erholt sich von ihrem Kaiserschnitt. Die Babys besucht sie jeden Tag.“

Kritik auch aus Wien: Kinderwunschzentrum kritisiert Vierlingsschwangerschaft

Die Schwangerschaft wurde in der Ukraine mittels Eizell- und Samenspende herbeigeführt. “Diese Behandlung ist in jedem Fall abzulehnen”, sagt Prof. Dr. Heinz Strohmer, ärztlicher Leiter des Kinderwunschzentrums Goldenes Kreuz, der den Transfer von mehr als zwei Embryonen und eine Behandlung jenseits des normalen fruchtbaren Alters sehr kritisch sieht.

Der Gynäkologe betont, dass die Gesundheit immer an erster Stelle stehen muss. „Vier Embryonen zu transferieren ist schlicht unverantwortlich. Eine Mehrlingsschwangerschaft stellt immer ein erhöhtes Risiko dar. Von Drillings- oder gar Vierlingsschwangerschaften ganz zu schweigen“, so Strohmer.

Auch in Deutschland kritisieren zahlreiche Experten die Schwangerschaft der 65-Jährigen. Selbst der Direktor der Klinik für Neonatologie, Prof. Dr. Christoph Bührer, dessen Abteilung die Vierlinge jetzt betreut, sieht den Fall sehr kritisch und kritisiert die ukrainischen Reproduktionsmedizinern: „Ich würde nicht befürworten, was da passiert ist. Das waren keine verantwortungsvollen Mediziner.“

Vierlinge müssen vermutlich mit langristigen gesundheitlichen Problemen und Entwicklungsdefiziten leben

Bei den in der 26. Schwangerschaftswoche,15 Wochen zu früh per Kaiserschnitt geborenen Säuglingen ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass langfristige gesundheitliche Probleme und Entwicklungsdefizite auftreten. Das Mädchen und die drei Jungen wiegen zwischen 655 und 960 Gramm und sind zwischen 30 und 35 Zentimeter groß. Sie werden derzeit auf einer der Neugeborenen-Intensivstationen der Charité medizinisch betreut. Wenngleich die behandelnden Ärzte mit dem bisherigen Verlauf zufrieden sind, so ist doch die kritische Phase noch nicht überstanden: „Die Kinder benötigen viel Aufmerksamkeit und eine intensive Behandlung“, betont Prof. Dr. Bührer. Die behandelnden Experten betonten, dass es sich um „Hochrisikopatienten“ handelt.

Das Mädchen namens Neeta war bei der Geburt mit 30 Zentimetern und 655 Gramm Körpergewicht das kleinste Neugeborene. Sie musste bereits operiert werden, denn es hatten sich zwei kleine Löcher im Darm gebildet. „Die Kinder sind absolut abhängig von Maschinen“, erklärt Prof. Bührer. Zwei der anderen Kinder könnten selbst über den Rhythmus beim Atmen bestimmen.

Magensonden, Beatmungsgeräte, Inkubatoren und die Infusion von Wasser und Nährstoffen brauchen die Vierlinge zum Überleben. Bei einer Vierlingsschwangerschaft sei zwar eine Frühgeburt die Regel, „… aber eher acht bis zehn Wochen zu früh und nicht 15“, so der Neonatologe.

Die Mediziner glauben allerdings, dass die vier Kinder gute Überlebenschancen haben. Gleichzeitig schätzen sie die Gefahr langfristiger Schäden als hoch ein. Deswegen wird auch die Mutter stark kritisiert und man wirft der 65-Jährigen Verantwortungslosigkeit vor. Die Experten gehen davon aus, dass nicht alle vier Kinder gesund das Krankenhaus verlassen können und erwarten chronische Probleme bei Lunge, Darm, Augen und Gehirn.

 

Neonatologie heute

In den letzten Jahrzehnten hat die Medizin die Neonatologie große Fortschritte gemacht. Es gibt wirksamere Medikamente, die die Lungenreifung beschleunigen, bessere Beatmungsgeräte und Überwachungsgeräte für Herzaktionen, Sauerstoff-/Kohlendioxidaustausch und Sauerstoffsättigungsmesser.

Die Lebensfähigkeit von Frühgeburten beginnt in der 23. Schwangerschaftswoche ab einem Geburtsgewicht von etwa 500 Gramm. Ab der vollendeten 24. Woche liegt die Überlebenschance bei 50 Prozent, diese steigt rapide an und beträgt in der 28. Woche bereits über 90 Prozent.

Den Frühgeborenen drohen aber verschiedene Gesundheitsrisiken. Organfunktionen wie selbstständige Atmung, Temperaturregulation, Kreislauf und Stoffwechsel sind meist noch nicht ausgereift und stabil, Lungen und Darm müssen aber funktionieren. Oft ist deswegen eine Operation notwendig.

 

Quellen: PA der Charité – www.charite.de

PA Goldenes Kreuz www.goldenes-kreuz.at/leistungsbereiche/kinderwunschzentrum

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=55156

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