Dienstag, Juli 2, 2024

Organs on the Chip, Modelling und Tiermodelle

Krankheiten erforschen, Medikamentennebenwirkungen vermeiden: Brauchen wir in Zeiten von „Organs on the Chip“ und „Modelling“ noch Tiermodelle?

In der aktuellen gesellschaftlichen Debatte über den Einsatz von Tierversuchen steht insbesondere der Forschungsbereich unter kritischem Blick. Derzeit wird im EU-Parlament eine Bürgerpetition diskutiert, die ein vollständiges Verbot von Tierversuchen fordert. Angesichts dieser Diskussion stellt sich die Frage, ob Tiermodelle in der Hormonforschung weiterhin notwendig sind. Speziell vor dem Hintergrund fortschrittlicher Technologien wie „Organs on the Chip“ und „Modelling“.

„Organs on a Chip“ sind mikrofluidische Systeme, die es ermöglichen, Gewebe- oder Organmodelle in vitro nachzubilden und physiologische Funktionen und Interaktionen von Organen auf einem winzigen Chip im Labor zu imitieren. Durch diese beeindruckende Technologie, beispielsweise bei Toxizitätstests, können erstaunliche Ergebnisse erzielt werden.

Jedoch bleiben trotz dieser Fortschritte Tiermodelle in der Hormonforschung unverzichtbar. Tiere, insbesondere Säugetiere, weisen eine biologische Komplexität auf und teilen ähnliche physiologische, anatomische und genetische Merkmale mit dem menschlichen Körper. Daher liefern Tiermodelle wichtige Erkenntnisse über die Wirkungsweise von Hormonen und die Regulation hormoneller Prozesse, die nicht allein durch In-vitro-Modelle gewonnen werden können.

Hormone haben komplexe Auswirkungen auf den gesamten Organismus und beeinflussen den Stoffwechsel, das Wachstum, die Fortpflanzung und andere physiologische Prozesse. Tiermodelle ermöglichen es den Forschern, die Wechselwirkungen zwischen Hormonen und verschiedenen Organsystemen mit all ihren vielfältigen Zellen zu untersuchen und somit das Verständnis der Hormonregulation und ihrer Auswirkungen zu verbessern.

Darüber hinaus werden Tiermodelle häufig eingesetzt, um menschliche Krankheiten und Störungen des hormonellen Systems zu modellieren. Sie ermöglichen die Untersuchung von Krankheitsmechanismen, die Identifizierung potenzieller Therapien und die Bewertung der Sicherheit und Wirksamkeit neuer Medikamente.

Der Einsatz von Tiermodellen spielt auch eine entscheidende Rolle bei der Bewertung der Sicherheit und Wirksamkeit neuer Hormontherapien, bevor sie an menschlichen Patienten getestet werden. Dies ist von großer ethischer Bedeutung, um potenzielle Risiken für die Patienten zu minimieren.

Beispielhaft zeigen die derzeit verwendeten Therapien für die häufigsten endokrinologischen Erkrankungen wie Osteoporose, Diabetes und Schilddrüsenerkrankungen, dass sie ohne die Grundlagenforschung mithilfe von Tiermodellen nicht entwickelt worden wären. Beispiele wie GLP-1- Agonisten (Semoglutid) gegen Insulinresistenz und Adipositas sowie Denosumab und Romosozumab zur Behandlung von Osteoporose verdeutlichen dies eindrucksvoll.

Ein vollständiger Ausstieg aus Tierversuchen würde den medizinischen Fortschritt in Europa massiv beeinträchtigen und möglicherweise dazu führen, dass Tierversuche in Länder mit geringeren ethischen Standards und Kontrollen verlagert werden. Zudem würde die Weiterentwicklung tierversuchsfreier Methoden beeinträchtigt, da die Validierung solcher Methoden durch tierexperimentelle Ergebnisse notwendig ist.

Der optimale Ansatz besteht daher in einem ausgewogenen Mix aus tierversuchsfreien Methoden, der Analyse von humanen Proben und der experimentellen Validierung in Tiermodellen. Nur so können erfolgreiche biomedizinische und hormonelle Forschungsergebnisse erzielt werden, die letztendlich dem Wohl der Patienten dienen.


Quelle:

Krankheiten erforschen und heilen, Medikamentennebenwirkungen vermeiden: Brauchen wir in Zeiten von „Organs on the Chip“ und „Modelling“ noch Tiermodelle? Prof. Dr. rer. nat. Jan P. Tuckermann Leiter des Instituts für Molekulare Endokrinologie der Tiere, Universität Ulm, Vorstandsmitglied DGE I. 66. Kongress für Endokrinologie der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), Mai 2023

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