Dienstag, Juli 2, 2024

Künstliche Intelligenz in der Augenheilkunde

Künstliche Intelligenz ist in einem so innovativen Fachgebiet wie der Augenheilkunde schon seit geraumer Zeit ein spannendes Thema.

Unter dem Strich ist Künstliche Intelligenz (KI) derzeit in aller Munde. Sie soll als Heilsbringer das Gesundheitssystem bei vielen Problemen helfen. Dazu gehört der Ärzte- oder Fachkräftemangel sowie die zunehmende Morbidität. In einem so innovativen Fachgebiet wie der Augenheilkunde ist Künstliche Intelligenz schon seit geraumer Zeit ein Thema, welches immer breiteren Raum einnimmt.

 

Ideale Verfahren in der Augenheilkunde für die Künstliche Intelligenz

Besonders unsere neueren bildgebenden Verfahren wie digitale Fotografie, die optische Kohärenztomografie (OCT) oder auch die Heidelberger Retina-Tomografie (HRT) und andere scheinen für die Anwendung von KI geradezu prädestiniert. Auch die Aufgeschlossenheit für technische Entwicklungen seitens der Bevölkerung und der Politik fördern diese.

Allerdings muss man die aktuellen technischen Möglichkeiten im Gesamtkontext richtig einordnen. Realistischerweise sind wir von einer „echten KI“ noch weit entfernt. Uns stehen aktuell lediglich mehr oder weniger gute Auswertungsalgorithmen für dezidiert definiert krankhafte Veränderungen des Auges zur Verfügung. Was ist damit gemeint?

Nutze ich nun eine KI, die auf die Analyse von diabetisch bedingen Netzhautveränderungen ausgerichtet ist, „übersieht“ sie andere Netzhauterkrankungen wie zum Beispiel Tumoren, Bluthochdruckveränderungen oder Erkrankungen des Sehnervs. Gleiches gilt für andere KI-Anwendungen. Es steht also bei Weitem noch nicht die „Eier legende Wollmilchsau“ zur Verfügung.

 

Altersunterschiede beeinflussen die Qualität der KI-Ergebnisse

Bei den selbst durchgeführten Studien der Entwickler und Hersteller der entsprechenden KI-Programme fließen in der Regel auch nur die Daten jüngerer Probanden ein, bei denen Aufnahmen in sehr guter Qualität bei enger Pupille möglich sind. Bei älteren Patienten ist dies oftmals aufgrund von altersbedingten Oberflächenveränderungen und Linsentrübungen nicht möglich.

Zahlreiche unabhängige Untersuchungen haben bewiesen, dass bei Betrachtung aller Altersgruppen etwa 40 Prozent der Aufnahmen eine Qualität aufweisen, die keine automatische Auswertung zulassen beziehungsweise die Ergebnisse verfälschen.

Professor Stahl aus Greifswald konnte dies beispielsweise in einer 2022 erschienenen Publikation zur Untersuchung von Patienten mit Diabetes mellitus zeigen.

Auch Zahlen des National Health Service (NHS), also des britischen Gesundheitssystems, weisen bei den fotografischen Reihenuntersuchungen von Diabetikern sehr hohe Raten an nicht verwertbaren Bildern auf.

Dass diese Technologie noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung steht, zeigt auch die Äußerung des Präsidenten der Bayerischen Landesärztekammer Dr. Gerald Quitterer, der deutlich macht, dass neue Anwendungen von KI in der Medizin die menschliche Intelligenz, Verantwortung und Bewertung keineswegs ersetzen könnten.

Die Vorstellung, dass man Künstliche Intelligenz in der Augenheilkunde sehr einfach nutzen kann – dass man beispielsweise im Vorbeigehen ein Gerät wie einen Fotofix-Automaten nutzen kann, welches eine Aufnahme oder einen Scan des Augenhintergrundes anfertigt und anschließend eine genaue und richtige Analyse ausgibt – ist so aktuell noch nicht realisierbar.

 

Bereits jetzt vorhandenen KI-Anwendungen bieten einige Vorteile

Allerdings sind die bereits vorhandenen KI-Anwendungen in den Händen der Experten, also Augenärztinnen und Augenärzten, durchaus sinnvoll und können zur schnelleren und effizienteren Behandlung beitragen. Diese wird langfristig auch exakter werden, da bessere Vergleiche zu Vorbefunden möglich sind.

In den Praxen ist es zudem möglich, die Pupillen medikamentös zu erweitern, sollten die Bilder aufgrund enger Pupillen oder vorhandener Trübungen im Strahlengang eine unzureichende Qualität aufweisen. So kann man deutlich bessere Aufnahmen anfertigen.

Die Ärztin oder der Arzt kann zusätzlich die von der KI ermittelten Befunde direkt selbst überprüfen und die eigene Diagnose in die Gesamtbetrachtung einbetten.

Außerdem untersuchen wir die Patienten ganzheitlich. Sprich: Wir kennen den Status der übrigen Augenfunktionen und können die Ergebnisse aktuell wesentlich besser und sicherer in den gesamten Kontext einordnen. Aus isolierten Befunden – ob gut oder schlecht – lässt sich immer nur begrenzt ein sicheres Vorgehen ableiten und schon gar nicht, wenn womöglich ein Fehlbefund vorliegt.

 

Einschränkungen bei den gesetzlich Krankenversicherten

Leider finden sich in der Gebührenordnung für die gesetzlich Krankenversicherten, dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM), aktuell keinerlei Möglichkeiten, ein digitales Foto des Augenhintergrundes oder der vorderen Augenabschnitte abzurechnen. Auch der Einsatz der OCT ist nur auf wenige Indikationen beschränkt. Dies alles behindert den zeitnahen Einsatz von sinnvollen KI-Verfahren in der Regelversorgung.

 

Fazit

Zusammenfassend kann man festhalten: Der Einsatz von KI-Verfahren in der Augenheilkunde ist aktuell in der Hand der Experten durchaus sinnvoll. Und er wird – nach Anpassen der Abrechnungsmöglichkeiten – im Alltag der augenärztlichen Praxis Einzug finden. Isoliert durch Nicht-Augenärztinnen und Nicht-Augenärzte angewendet, bestehen Gefahren von Fehlbefunden und Fehlinterpretationen, die möglicherweise mehr Schaden als Nutzen zur Folge haben.

Nicht umsonst haben jüngst die Technikikonen, wie etwa Elon Musk, Steve Wozniak und andere, vor einer unkritischen Anwendung von KI gewarnt. Künstliche Intelligenz wird den Menschen nicht wirklich ersetzen, ihn aber hoffentlich in seiner Arbeit unterstützen können.


Quelle:

Künstliche Intelligenz in der Augenheilkunde: wie KI die Patientenversorgung verbessern kann. Dr. med. Peter Heinz, Vorstandsmitglied der Stiftung Auge und Facharzt für Augenheilkunde, Schlüsselfeld. Stiftung Auge, Mai 2023.

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