Freitag, Februar 23, 2024

Eberhart Zrenner – Erfinder des Netzhaut-Chips

Augenärzte ehren am DOG 2016 den Erfinder des Netzhaut-Chips: Professor Dr. Dr. h.c. mult. Eberhart Zrenner mit der Albrecht-von-Graefe-Medaille

Professor Dr. med. Eberhart Zrenner
Professor Dr. med. Eberhart Zrenner

Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) zeichnet Professor Dr. med. Dr. h.c. mult. Eberhart Zrenner mit der Albrecht-von-Graefe-Medaille aus. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten zu Funktion und Erkrankungen der Netzhaut hat er maßgeblich das elektronische Retina-Implantat entwickelt. Es ermöglicht blinden, an Retinitis pigmentosa erkrankten Patienten ein orientierendes Sehen in Schwarz-Weiß-Bildern.

Die Albrecht-von-Graefe-Medaille ist die höchste Auszeichnung, die die DOG nur alle zehn Jahre für außerordentliche Verdienste um die Augenheilkunde vergibt. Die Verleihung findet im Rahmen des 114. Kongresses der DOG am 1. Oktober 2016 in Berlin statt.

Eberhart Zrenner wirkte von 1989 bis 2013 als Ordinarius an der Universitäts-Augenklinik Tübingen. In dieser Zeit widmete er sich vor allem den erblichen Netzhauterkrankungen und baute als Gründungsdirektor das international anerkannte Forschungsinstitut für Augenheilkunde auf, das sich den zellbiologischen, molekulargenetischen und elektrophysiologischen Grundlagen des Fachs widmet. Seit 2013 leitet er als Seniorprofessor am Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) der Universität Tübingen eine Arbeitsgruppe zur Pathophysiologie des Sehens, die am Department für Augenheilkunde angesiedelt ist.

Professor Dr. med. Horst Helbig, Präsident der DOG
Professor Dr. med. Horst Helbig, Präsident der DOG

„Es ist Eberhart Zrenner zu verdanken, dass wir die Ursachen der Blindheit bei jungen Menschen mit erblichen Netzhauterkrankungen überhaupt erst verstehen und einer Behandlung zugänglich machen konnten“, erklärt Professor Dr. med. Horst Helbig, Präsident der DOG. Damit habe Eberhart Zrenner ein Tor nicht nur zur Genforschung aufgestoßen, sondern auch den Boden bereitet für neue Therapieansätze wie Genersatztherapie und Neuroprotektion. „Eberhart Zrenner trägt einen großen Anteil daran, dass die Augenheilkunde eine Vorreiterrolle in der Biomedizin erringen konnte“, betont Helbig. So konnte auf Grundlage der Arbeiten der Tübinger Forschergruppe sowie der Partner an der Ludwig-Maximilians-Universität München im vergangenen November in Tübingen die erste deutsche Gentherapie am Auge starten. „Eberhart Zrenner darf nun erleben, wie seine Arbeit sichtbare Früchte trägt und für Krankheiten erste erfolgreiche Therapien entstehen, die zu Beginn seiner Laufbahn wie ein ferner Traum erschienen“, erklärt der DOG-Präsident.

Zu Zrenners größten Verdiensten gehört die Entwicklung eines elektronischen Implantats für erblindete Patienten, die unter der erblichen Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa leiden und für die er seit 1989 bis heute eine Spezialsprechstunde an der Tübinger Augenklinik betreibt. Dabei setzen die Chirurgen einen winzigen Kamera-Chip unter die Netzhaut ein, der Schwarz-Weiß-Bilder mit einer Auflösung von 1 500 Pixeln liefert und über ein Verbindungskabel zu einer kleinen Empfangsspule hinter dem Ohr mit Strom versorgt wird.

Der Chip ist inzwischen zertifiziert und an mehreren deutschen Zentren als Kassenleistung zugelassen. Die Ergebnisse der Sehprothese variieren – manche Patienten können wieder größere Buchstaben lesen, andere Gebäudeumrisse erkennen oder zumindest Lichtquellen identifizieren. Voraussetzung für ein solches Implantat: Die Patienten müssen früher einmal gesehen haben können und über eine intakte innere Netzhaut verfügen.

„Die Idee, ein elektronisches Implantat zu entwickeln, wurde zunächst als irrwitzig abgetan“, erinnert sich Zrenner. Doch das frühere Studium der Elektrotechnik half dem heute 70-jährigen Wissenschaftler, sein Konzept hartnäckig weiterzuverfolgen. „Als alter Elektronikbastler ist mir klar geworden, dass es doch möglich sein könnte“, berichtet Zrenner und bilanziert: „In Bezug auf wissenschaftliche Durchbrüche muss man in Zwanzig-Jahren-Horizonten denken – und man braucht ein eingeschworenes Team mit vielen unterschiedlichen Fähigkeiten.“

Außergewöhnlich ist auch der Einsatz des gebürtigen Münchners für die Forschungsförderung in der Augenheilkunde. Über viele Jahre war Zrenner Fachkollegiat für Augenheilkunde bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und er ist Vorsitzender des European Vision Institute. Darüber hinaus wurde Zrenner in zahlreiche renommierte Wissenschaftseinrichtungen wie die Leopoldina, den Senat der Max-Planck-Gesellschaft, den Wissenschaftsrat und den Gesundheitsforschungsrat berufen. Er hat ein DFG- Schwerpunktprogramm, eine DFG-Forschergruppe und einen Sonderforschungsbereich geleitet und war zweimal Dekan der Tübinger Medizinischen Fakultät.

Die Albrecht-von-Graefe-Medaille ist die höchste Auszeichnung, die die DOG vergibt, und wird laut Statuten alle zehn Jahre „demjenigen zuerkannt, der sich unter den Zeitgenossen – ohne Unterschied der Nationalität – die größten Verdienste um die Förderung der Ophthalmologie erworben hat.“ Die Auswahl erfolgte in einem mehrstufigen Verfahren und wurde durch die DOG-Mitgliederversammlung bestätigt. Albrecht von Graefe entwickelte 1857 eine neue Operationsmethode bei Grünem Star. Erster Träger der Albrecht-von-Graefe-Medaille war 1886 Hermann von Helmholtz, der den Augenspiegel zur Untersuchung des Augeninneren erfand.

Im Anschluss an die Verleihung hält der ehemalige Ordinarius der Universitäts-Augenklinik Tübingen und jetzige Sprecher des Tübinger Zentrums für Neurosensorik die Albrecht-von-Graefe-Gedächtnisvorlesung zum Thema „Augenheilkunde als medizinische Leitdisziplin“.

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