Suizid: Werther-Effekt durch Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht

Tote Mädchen lügen nicht könnte einen Werther-Effekt ausgelöst haben, wie nun eine aktuelle Studie zu Google-Zugriffen zum Thema Suizid über die kritisierte Netflix-Serie ergab.

Auf das Verantwortungsbewusstsein der Medien appellierend warnen weltweit psychiatrische Fachgesellschaften sowie die WHO-Leitlinien zum Thema Suizid vor einem sogenannten Werther-Effekt nach öffentlichen Berichten (Interviews, Sendungen, Storys, aber auch Musikvideos etc.) über Selbstmord. Denn immer wieder wurde in den vergangenen Jahrzehnten weltweit ein kurzfristiger Anstieg der Suizidfälle nach einem durch die Medien bekannt gemachten Suizid beobachtet. Vor allem Jugendpsychiater betonen, dass eine intensive Fokussierung des Themas Suizid bei sensiblen Jugendlichen eine Nachahmung verursachen kann.

 

Verantwortungsvolle Medien gegen den Werther-Effekt

Journalisten und Redaktionen werden angehalten, die Berichterstattung über Suizide mit besonderer Verantwortung zu verbinden, eben um der Gefahr dieses Werther-Effektes – des Auslösens von Nachahmungssuiziden – entgegenzuwirken. Dazu gehört die Angabe von Hilfekontakte wie der Telefonseelsorge oder auch Akuthilfen (z.B. Notarzt), die Darstellung von Suizid als Folge gut behandelbarer Erkrankungen sowie Hintergrundinformationen zu den Krankheitsbildern nebst passender Expertenstatements.

 

Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht verursacht starken Anstieg der Google-Anfragen zum Thema Suizid

Mit all dem bricht seit einiger Zeit völlig ungehemmt die seit Monaten sehr stark medial kritisierte Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht. Nun wurde im US-Fachjournal JAMA Internal Medicine in einer aktuellen Untersuchung auch nachgewiesen, dass in den Vereinigten Staaten nach der Ausstrahlung der Netflix-Serie die Google-Anfragen zum Thema Suizid angestiegen sind.

Forscher der San Diego State University haben dazu die Anfragen bei der Suchmaschine Google ausgewertet. Knapp drei Wochen nach der Veröffentlichung der Netflix-Serie haben sich die Suchanfragen zum Begriff Selbstmord um etwa ein Fünftel erhöht. Es kam umgerechnet zu bis zu 1,5 Millionen zusätzlichen Abfragen zum Thema Suizid beschäftigten. Die wichtigsten Keywords zu Suizid einschließlich von Beratungsangeboten waren:

Bis dato gibt es derzeit aber keinen Beweis, dass die Ausstrahlung der Netflix-Serie tatsächlich zu einem Anstieg von Suiziden geführt hat. Dennoch fordern Experten, dass sich Netflix an die dementsprechenden, eingangs teilweise zitierten WHO-Empfehlungen für Medien zum Umgang mit Suiziden orientiert. Dazu gehört auch, dass der Selbstmord nicht dargestellt wird, was in Tote Mädchen lügen nicht sehr wohl der Fall war. Eine zweite Staffel wurde angekündigt.

 

Der Werther-Effekt

Der Werther-Effekt geht auf Johann Wolfgang Goethes » Die Leiden des jungen Werthers « zurück. Nach dem Erscheinen des Romans im Jahr 1774 kam es zu einer Suizidwelle unter der jungen Bevölkerung. Die damals Betroffenen identifizierten sich mit dem jungen Werther und ahmten dessen Selbstmord nach. Solche Nachahmungssuizide gab es immer wieder, beispielsweise in den USA 1962 nach dem Selbstmord von Marylin Monroe. Deswegen veröffentlichen die Fachgesellschaften nach jedem Prominenten-Selbstmord – wie kürzlich nach dem Suizid von Linkin-Park-Sänger Chester Bennington – ihre Warnungen und weisen darauf hin, das fast 9 von 10 Suizidversuchen vor dem Hintergrund einer oft nicht optimal behandelten psychischen Erkrankung erfolgt. Am häufigsten ist es aufgrund einer Depression der Fall.

Weiterführende Informationen:

http://www.hilfe-in-der-krise.at/index.php/notrufnummern.html

http://www.telefonseelsorge.de/

Medien-Guide hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe mit den wichtigsten Regeln:
www.deutsche-depressionshilfe.de/presse-und-pr/medienguide-suizid

http://www.who.int/mental_health/suicide-prevention/en/

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