Bei Reizdarm sind die Nerven der Darmwand wenig sensibel und nicht leicht reizbar

Das Reizdarm-Syndrom quält rund zehn bis 15 Prozent der Menschen in den Industrieländern. © Sebastian Kaulitzki / shutterstock.com

Das Reizdarm-Syndrom quält rund zehn bis 15 Prozent der Menschen in den Industrieländern. © Sebastian Kaulitzki / shutterstock.com

Unlängst wurde an Biopsien von Patienten mit Reizdarm erstmals nachgewiesen, dass die Nerven ihrer Darmwand kaum auf einen Entzündungscocktail reagieren.

Die Ergebnisse von rezenten Biopsien widerlegen die bisherige These, Reizdarm-Patienten hätten einen besonders sensiblen und leicht reizbaren Darm. Denn Wissenschaftler konnten verringerte Reaktionen der Nerven in der Schleimhaut und Darmwand von Patienten mit Reizdarm (Reizdarmsyndrom, IBS) zeigen. Dies könnte sehr wahrscheinlich zurückzuführen sein auf eine Desensibilisierung der Nerven gegenüber von Mediatoren, Und zwar solche wie die Botenstoffe Histamin, Serotonin, TNFα und Tryptase. Bekanntlich setzen die Schleimhaut- und Immunzellen in der Darmwand von Patienten mit Reizdarm ständig diesen IBS-Cocktail frei.

 

15 Prozent der Bevölkerung leidet am Reizdarmsyndrom

Das Reizdarmsyndrom quält rund zehn bis 15 Prozent der Menschen in den Industrieländern. Die Erkrankung geht mit typischen Symptomen wie Bauchweh, Blähungen oder Unregelmäßigkeiten beim Stuhlgang einher. Lange war gemutmaßt worden, dass es eine psychosomatische Störung ist, die vor allem durch Stress ausgelöst wird.

Eine eindeutige Therapie für betroffene Patienten gibt es bislang nicht, lediglich für einzelne Symptome. Unumstritten ist inzwischen jedoch, dass es sich um eine organische Erkrankung handelt. Die vielfältigen Ursachen sind allerdings mit heutigen Messmethoden im Praxisalltag noch nicht nachweisbar ist. Eine rezente Studie belegte dazu erstmals, dass es zu messbaren Veränderungen an den Nerven der Darmwand von Reizdarm-Patienten kommt.

 

Sensibilisierung der Darm-Nerven bei Reizdarm kann man ausschließen

Unter dem Strich ist bei einer Gruppe von Patienten mit Reizdarm eine erhöhte Ausschüttung von Botenstoffen eine mögliche Ursache der Symptome. Und zwar von Botenstoffen, die unter anderem bei entzündlichen Prozessen eine Rolle spielen. Basierend auf früheren, eigenen Studien nahmen die TUM-Forscher eine Sensibilisierung der Nerven in der Darmwand von Patienten mit Reizdarm als gegeben an.

Die Forscher haben deshalb die Reaktion der Nerven in der Schleimhaut und der Darmwand des Darmes an Biopsien von Reizdarm-Patienten sowie gesunden Probanden einerseits auf elektrische Stimulation sowie auf Nikotin überprüft.

Beides sind etablierte Methoden, um die Ansprechbarkeit der Darm-Nerven bei Reizdarm zu testen. Dabei führt die Elektrische Stimulation zur synaptischen Übertragung, während Nikotin direkt die Darmnerven aktiviert. Erstaunlicherweise reagierten bei diesen Tests die Nerven beider Gruppen vergleichbar, so dass eine generelle Nervensensibilisierung bei Reizdarm ausgeschlossen werden kann.

 

Verblüffendes Ergebnis: Bei Reizdarm sind die Darm-Nerven wenig sensibel

Andererseits wurde ein Entzündungscocktail mit Histamin, Proteasen, Serotonin und TNF-alpha verabreicht, um das Milieu in der Darmwand der Reizdarm-Patienten zu simulieren und die Reaktion darauf zu untersuchen.

Diese Tests förderten verblüffende Ergebnisse zutage. Genau das Gegenteil unserer anfänglichen Vermutung war der Fall: Die Nerven der Reizdarm-Patienten haben signifikant schwächer auf die von uns verabreichten Cocktails reagiert als die Biopsien der gesunden Probanden. Die Darmwand dieser Patienten ist offenbar desensibilisiert durch eine ursprünglich zu starke Aktivierung. Das kann eine Schutzmaßnahme sein, um eine Überreizung zu vermeiden.

Um diese Schlussfolgerung zu verifizieren, wurden Darmnerven für mehrere Stunden einer Reizung ausgesetzt. Das Ergebnis war, das die Nerven die ganze Zeit gereizt sind und  sie die Reaktion quasi herunterregeln.

Es bleibt offen, wie die beobachtete Desensibilisierung der Nerven auf ganz bestimmte Botenstoffe die eigentlichen Symptome verursacht und ob dieses Phänomen neue Therapieoptionen eröffnet.

Zwar beweisen die Untersuchungen eine verminderte Reaktion auf einen Entzündungscocktail, schließen aber eine mögliche Sensibilisierung durch andere Stoffe nicht aus.


Literatur:

Ostertag D, Buhner S, Michel K, et al. Reduced Responses of Submucous Neurons from Irritable Bowel Syndrome Patients to a Cocktail Containing Histamine, Serotonin, TNFα, and Tryptase (IBS-Cocktail). Front Neurosci. 2015;9:465. Published 2015 Dec 16. doi:10.3389/fnins.2015.00465


Quelle:

Technische Universität München (TUM) – https://www.tum.de/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/kurz/article/32804/

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