Depressionen bei körperlichen Erkrankungen

Depressionen bei körperlichen Erkrankungen sind nicht nur Reaktion auf schwere subjektive Beeinträchtigung, sondern gehören auch zu einem komplexen Zusammenspiel biologischer und psychischer Faktoren. © AMM / afcom.at

Depressionen bei körperlichen Erkrankungen sind nicht nur Reaktion auf schwere subjektive Beeinträchtigung, sondern gehören auch zu einem komplexen Zusammenspiel biologischer und psychischer Faktoren. © AMM / afcom.at

Depressionen bei körperlichen Erkrankungen beeinflussen häufig den Krankheitsverlauf und verlängern die Dauer von Krankenhausaufenthalten.

Depressionen beeinträchtigen die Genesung bei zahlreichen körperlichen Erkrankungen und verlängern auch die Dauer stationärer Aufenthalte. Umgekehrt steigt die Umgekehrt steigt die Häufigkeit von depressiven Symptomen bei einer Zunahme der körperlichen Symptome im Verlauf einer Erkrankung. Die Unterscheidung nach einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Depression und körperlicher Erkrankung ist daher meist nicht zuverlässig möglich.

Bei Patienten mit körperlichen Erkrankungen treten Depressionen häufiger auf: Studien geben eine Häufigkeit von 10% für Major Depression in der Allgemeinbevölkerung an, wohingegen bei zahlreichen somatischen Erkrankungen die Prävalenz deutlich höher liegt.

Die Depression ist bei körperlichen Erkrankungen nicht nur als eine Reaktion auf schwere subjektive Beeinträchtigung, chronischen Verlauf und Prognose zu sehen, sondern auch als ein komplexes Zusammenspiel biologischer und psychischer Faktoren, das abhängig von der jeweiligen Erkrankung unterschiedliche pathophysiologische Grundlagen hat.



 

Depressionen bei körperlichen Stoffwechsel-Erkrankungen wie Diabetes mellitus

Die Prävalenz der Depression bei Typ-I- und Typ-II-Diabetes liegt je nach Diagnosekriterien zwischen 6 und 27%. Etwa jeder 5. Patient mit Diabetes mellitus Typ-II leidet an einer Depression. Häufig hat dies Einfluss auf die glykämische Kontrolle und das Essverhalten und ist mit einem höheren BMI und HbA1c sowie diabetischen Spätschäden assoziiert.

Risikofaktoren. Die Risikofaktoren für die Ent­wicklung einer komorbiden ­Depres­sion sind die diabetes­spezifischen Faktoren: Hoher HbA1c-Wert, Hypoglykämieprobleme, Insulintherapie bei Diabetes Typ-II und die Entwick­lung und Anzahl der diabetischen Folge­erkran­kungen wobei hier insbesondere akut auftretende Organkomplikationen zu beachten sind. Eine wichtige Rolle spielen auch die unspezifischen Risikofaktoren wie weibliches Geschlecht, alleinstehend, jüngeres Lebensalter und niedriger sozioökonomischer Status.

Erklärungsmodelle. Die Assoziation einer Dysfunktion der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, dem wesentlichsten Stress-Regulationssystem, mit Depressionen, viszeraler Adipositas und Diabetes mellitus wurde mehrfach beschrieben. Eine weitere biologische Basis könnten erhöhte Spiegel von Zytokinen wie Interleukin-6 und TNF-α, wie sie depressive, adipöse Frauen aufweisen, sein. Diese Veränderungen könnten in der Folge zu den pathophysiologischen Prozessen des metabolischen Syndroms und Diabetes mellitus beitragen. Auch diabetisch bedingte Gefäßveränderungen, Endorganschäden und zerebrale Funktionsstörungen können an depressiven Stimmungsveränderungen beteiligt sein.

Therapie. Beim Einsatz von Antidepressiva sollte Substanzen mit neutraler Wirkung auf die diabetische Stoffwechseleinstellung der Vorzug gegeben werden. Studien zeigten, dass sich eine Insulinresistenz allein dadurch verbessert, indem sich die Kranken unter antidepressiver Behandlung von ihrer Depression erholten.



 

Depressionen bei körperlichen Herz-Erkrankungen wie koronare Herzerkrankung

Neben den bisher bekannten ­Risikofaktoren (Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Rauchen, Adipositas, D.M.) haben auch psychosoziale Belastungen eine eigenständige Wirkung auf die Entwicklung und die Komplikationsrate der koronaren Herzkrankheit. Bei schwer depressiven Menschen ist das KHK-Risiko gegenüber Nicht-Depressiven um 40% erhöht.

Auslöser Herzerkrankung. Umgekehrt leiden etwa 15–25% aller Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung an schweren Depressionen. Die Meisten von ihnen erfahren keine antidepressive Behandlung. Besonders nach Infarkt auftretende Depressionen haben dann ihrerseits wieder Auswirkung auf die Genesung.

Umfangreiche Studienergebnisse zeigten, dass bei Patienten, die nach einem Myokardinfarkt eine Major Depression entwickeln, die kardiale Mortalität innerhalb der nächsten 18 Monate wesentlich höher liegt als bei nicht-­depressiven KHK-Patienten. Das relative Risiko für das Auftreten eines Myokardinfarktes oder eines kardial bedingten Versterbens ist bei depressiven Menschen im Mittel um das 2–5-Fache erhöht. Möglicherweise führen Depressionen zu einer veränderten Elektrophysiologie des Herzens, sodass das Risiko für maligne Herzrhythmusstörungen deutlich ansteigt. Je früher eine Depression nach Herzinfarkt erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Heilungsaussichten. Therapeutische Hilfe erhöht die Lebensqualität und steigert die Überlebensrate depressiver Patienten.

Wechselwirkungen. Im Rahmen einer Depression können einige Veränderungen festgestellt werden, die auch das Herz beeinflussen. So kann die Herzfrequenzvariabilität nach Myokardinfarkt vermindert- und die Thrombozytenaggregation, das Plasma-Noradrenalin und der proinflammatorische Zytokinspiegel erhöht sein. Außerdem bewirkt eine depressive Stimmungslage eine Hyperaktivität der Hypothalamus-­Hypophysen-Nebennieren-Achse mit konsekutivem Hyperkortisolismus und beeinflusst den Lebensstil und die Compliance.

Therapie. In der Therapie zeigte sich, dass die Berück­sichtigung einer möglichen depressiven Störung sowohl bei der Akutbehandlung, aber auch Rehabilitation von Herzkranken eine große Rolle spielt, doch werden Depressionen nach Herzinfarkt meist unzureichend diagnostiziert und behandelt. Oft kann schon der Hausarzt weiterhelfen, wenn sich ein Patient nach Infarkt oder einer sonstigen Herzerkrankung häufig niedergeschlagen fühlt, unter Schlafstörungen leidet oder am Sinn seines Lebens zweifelt.

Bei der antidepressiven Therapie bei Herzerkrankung sind jedoch Besonderheiten zu beachten. Die potenziell kardiotoxischen, trizyklischen Antidepressiva können zu orthostatischer Hypotonie, Reizleitungsverzögerungen und Arrhythmogenität bei ischämisch vorgeschädigtem Herzen führen.



 

Depressionen bei neurologischen körperlichen Erkrankungen wie Morbus Parkinson

Die Depression ist die häufigste psychiatrische Störung bei Morbus Parkinson. Die Prävalenz der Major Depression liegt bei etwa 7%, leichte, aber klinisch relevante depressive Symptome treten in 40% der Fälle auf.

Ursachen. Diskutierte Risikofaktoren für eine Depression bei Parkinson sind junges Lebensalter, früher Krankheitsbeginn, weibliches Geschlecht, rechtsseitiger Hemiparkinsonismus, Akinesie und sich verschlechternde körperliche Symptomatik. Obwohl einige Daten auf die reaktive Genese der Depression hinweisen, kommen aufgrund von bildgebenden Verfahren und PET-Studien auch die Veränderungen des serotonergen Raphe-Kerns im Hirnstamm, des noradrenergen Locus coeruleus und der cholinergen Neurone der Substantia innominata als Ursache für die depressiven Merkmale in Betracht.

Spezielle Diagnosekriterien. Viele Patienten haben meist schon fünf Jahre vor Auftreten der ersten typischen motorischen Parkinson-Symptome Beschwerden, wie z.B.: Müdigkeit, bedrückte Grundstimmung, ein unbestimmtes Gefühl von Verlangsamung und Erschöpfung. Da die klinischen Erscheinungsbilder von Depression und Morbus Parkinson Überschneidungen aufweisen, muss die Diagnose Depression bei Morbus Parkinson aufgrund solcher Symptome getroffen werden, die bei Parkinson ohne Depression nicht erwartet werden. Dysphorie, Gereiztheit, Interesselosigkeit, Traurigkeit, Pessimismus und Suizidgedanken und etwas seltener Schuldgefühle, Versagensgefühle, Wahn, und Suizidhandlungen können bei gut eingestellter motorischer Symptomatik die Diagnose einer Depression erleichtern.

Therapie. Zur Verbesserung der Lebensqualität nimmt die antidepressive Therapie einen wichtigen Stellenwert im Management von Parkinsonpatienten ein. Die einfachen depressiven Zustandsbilder hellen in der Regel unter L-Dopa oder Dopaminagonisten-Gabe parallel zur Besserung der motorischen Störungen Akinesie und Rigor auf, selbst wenn der Tremor persistiert. Bei einigen Patienten ist jedoch eine zusätzliche Antidepressiva-Therapie indiziert.



 

Dialysepatienten und Depressionen

Das häufigste psychische Problem von Dialysepatienten ist die Depression. Etwa 25% der Patienten leidet im Laufe der Nierenersatztherapie darunter. Die Depression äußert sich in einer Reihe von Symptomen wie Anhedonie, Trauer, Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit verbunden mit Schlafstörungen, Appetit- und Libidoveränderungen. Das relative Risiko für das Versterben ist bei depressiven Dialysepatienten im Mittel um das Zweifache erhöht. In Studien, mittels Fragebögen erhoben, wurde gezeigt dass 30–50% der Dialysepatienten bereits eine Depression haben. Andere sprechen sogar von einem Wert bis zu 85% (hier sind auch sogenannte leichte Depressionen miteinbezogen) und sprechen sich somit für eine unterstützende antidepressive Therapie aus. Es ist jedoch zu beachten dass die Compliance der Dialysepatienten allgemein niedrig ist und hier Verbesserungen notwendig sind.

 

Anämie und Depressionen

Anämien sind häufiger im höheren Lebensalter mit einer Prävalenz von 13% bei Patienten ab 70 Jahren. Sie treten oft im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen wie Tumoren, Niereninsuffizienz, Infektionskrank­heiten etc., auf. Aufgrund dieser Belastung geht auch häufig eine Depression mit einer Anämie einher. Es wurde gezeigt dass die Anämie die Gehirnfunktionen direkt beeinflusst und so zu Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, wie auch zu Verwirrtheitszuständen führen kann. Eine Anämie aufgrund von Eisen-, Vitamin B12- oder Folsäuremangel kann ebenfalls zu depressiven Zustandsbildern führen. Die Parameter sollten routinemäßig überprüft werden, insbesondere da die psychische Beeinträchtigung in der Regel durch eine frühzeitige kausale Substitutionstherapie remittiert.




Literatur:

Ryan M, Eatmon CV, Slevin JT. Drug treatment strategies for depression in Parkinson disease. Expert Opin Pharmacother. 2019 Aug;20(11):1351-1363. doi: 10.1080/14656566.2019.1612877. Epub 2019 May 23. PMID: 31120798.

Teles F, Amorim de Albuquerque AL, Freitas Guedes Lins IK, Carvalho Medrado P, Falcão Pedrosa Costa A. Quality of life and depression in haemodialysis patients. Psychol Health Med. 2018 Oct;23(9):1069-1078. doi: 10.1080/13548506.2018.1469779. Epub 2018 Apr 29. PMID: 29706105.

Zhang Y, Chen Y, Ma L. Depression and cardiovascular disease in elderly: Current understanding. J Clin Neurosci. 2018 Jan;47:1-5. doi: 10.1016/j.jocn.2017.09.022. Epub 2017 Oct 21. PMID: 29066229.

Park M, Reynolds CF 3rd. Depression among older adults with diabetes mellitus. Clin Geriatr Med. 2015 Feb;31(1):117-37, ix. doi: 10.1016/j.cger.2014.08.022. Epub 2014 Nov 15. PMID: 25453305; PMCID: PMC4254540.


Quelle:

Depressionen bei körperlichen Erkrankungen. Prim. Dr. Andreas Walter. MEDMIX 4/2007

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