Bariatrische Operation bei Adipositas sehr effektiv

Die bariatrische Operation mit anschließender Gewichtsreduktion kann dazu führen, dass Antidiabetika reduziert und gegebenenfalls auch abgesetzt werden können. © Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien

Die bariatrische Operation mit anschließender Gewichtsreduktion kann dazu führen, dass Antidiabetika reduziert und gegebenenfalls auch abgesetzt werden können. © Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien

Die bariatrische Operation zeigt sehr gute Wirkung gegen Diabetes und hilft über 40 Prozent der Adipositas-Patienten bei der Gewichtsabnahme.

Aufgrund der in prospektiv randomisierten Studien gezeigten sehr guten antidiabetischen Wirkung bis hin zur Komplettremission bei über 40 Prozent der Adipositas-Patienten wird in der aktuell gültigen Leitlinie der International Diabetes Federation (IDF) eine metabolisch-bariatrische Operation bei schlecht einstellbarem Diabetes bereits ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 kg/m² respektive bei Asiaten ab einem BMI von 27,5 kg/m² empfohlen. Durch die Chirurgie werden nicht nur eine bessere Blutzuckereinstellung erreicht, sondern – viel wichtiger – Endorganschäden des Typ-2-Diabetes mellitus verhindert oder zumindest relevant verzögert.



Sowohl die Weltgesundheitsorganisation, als auch die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10), führen die Adipositas als endokrine Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit. Hingegen sehen die Krankenkassen – wohl auch unter dem Aspekt, wie häufig Übergewicht ist – dies nicht so. Laut Statistischem Bundesamt (2014) sind über 50 Prozent der Deutschen (62 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen) übergewichtig, davon wiederum sind 21 Prozent adipös.

 

Übergewicht und Adipositas sind in der Gesellschaft stark stigmatisiert

Viele glauben, dass Patienten mit Übergewicht und Adipositas selbst verantwortlich sind. Sie müssten einfach weniger essen und sich mehr bewegen. Sie hätten zu wenig Disziplin und seien willensschwach.

Dass diätetische Maßnahmen häufig scheitern, erklärt sich dadurch, dass der Organismus bei negativer Energiebilanz beeindruckende Verteidigungsstrategien zum Schutz seiner Energiereserven bereithält. Diese – aus evolutionärer Sicht sinnvollen – Anpassungen beinhalten eine erhebliche Reduktion des Energiegrundumsatzes bei einer gleichzeitigen Erhöhung des Hungergefühls.

Die nach nationaler und internationalen Leitlinien indizierte bariatrische Operation bei morbider Adipositas (BMI über 40 kg/m² oder 35 kg/m² mit relevanter Adipositas-assoziierter Morbidität) stellt nach aktuell gültiger Rechtsprechung des Bundessozialgerichts aus dem Jahr 2003 noch immer eine „Ultima Ratio“ dar.

Hier nimmt Deutschland eine Ausnahmestellung in der Europäischen Union und den westlichen Industrienationen ein, bei denen die metabolisch-bariatrische Chirurgie einen anerkannten Teil der etablierten und evidenzbasierten Hochleistungsmedizin darstellt.



 

Metabolisch-bariatrische Chirurgie bei schwerer Adipositas alternativlos

Insgesamt ist es völlig unstrittig, dass die derzeit alternativlose metabolisch-bariatrische Chirurgie bei dem Großteil der Patienten mit morbider Adipositas zu einem nachhaltigen und auch klinisch relevanten Gewichtsverlust, zu einer Minderung von vorliegenden Adipositas-assoziierten Begleiterkrankungen sowie zu einer Verbesserung der Lebensqualität und der Funktionalität (Bewältigung des Alltags) führt.

Mit Besserung der Risikofaktoren für einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt kommt es auch zu einer Verlängerung der Lebenserwartung.

Dabei wird die bariatrische Operation heute oftmals noch als eine schwere, hochrisikoreiche und nicht rückgängig zu machende Intervention an gesunden Organen angesehen, die zu einer Malabsorption von Nährstoffen und einer mechanischen Nahrungsrestriktion führt. Dementsprechend existiert die Annahme, dass es sich bei dieser Form von Chirurgie um eine anatomische Verstümmelung handelt, welche die Patienten zu „Esskrüppeln“ macht, die noch essen wollen, aber nicht mehr können.

Grundlagenwissenschaftliche Studien konnten zeigen, dass der Darm als physiologische Schaltzentrale dient und nach anatomischer Umstellung, wie beispielsweise nach einer Magenbypass-Operation, veränderte neuronale und endokrine Signale an unterschiedliche Organsysteme aussendet. Diese veränderten Signale beeinflussen unter anderem die zentralnervöse Steuerung des Sattheitsempfindens, des Belohnungszentrums und des motivationalen Verhaltens.

So haben Patienten nach der Operation ein vorzeitiges Sattheitsempfinden, empfinden besonders fett- und kohlenhydratreiche Speisen als weniger belohnend und ändern ihre Nahrungspräferenz hin zu weniger energiedichten Speisen. Gleichzeitig reagieren die Patienten trotz negativer Energiebilanz nicht mit einer Reduktion des Energiegrundumsatzes.



Dass diese Effekte nicht auf einer verminderten Nährstoffaufnahme und der anatomischen Unfähigkeit, große Mengen zu essen, basieren, wird eindrucksvoll an Patienten mit einer zentralnervösen Störung (zum Beispiel anatomische Zerstörung des Sattheitszentrums im Rahmen neurochirurgischer Eingriffe) deutlich, da diese Patienten weit weniger von der Operation profitieren.

Die Operationen werden heute standardisiert in vielen Zentren mit niedriger perioperativer Morbidität (3,6 Prozent) und Letalität (0,2 Prozent) in Schlüssellochtechnik durchgeführt. Wichtig vor der Operation sind die sorgfältige Patientenselektion, eine umfassende Aufklärung, eine psychologische/psychiatrische Evaluation der Patienten und die Vermittlung einer realistischen Erwartungshaltung.

Die bariatrische Operation dient zur Therapie Adipositas-assoziierter Erkrankungen, deren Folgeschäden und soll die Lebensqualität verbessern. Postoperativ bedürfen die Patienten einer lebenslangen multimodalen Nachsorge und einer zusätzlichen Zuführung von Vitaminen und Spurenelementen zur Vorbeugung von Mangelzuständen.

Aktuell ergibt sich in Deutschland eine starke Diskrepanz zwischen nachgewiesenem medizinischem Nutzen und Zahl der Patienten mit gegebener Indikation einerseits und Anzahl der jährlich durchgeführten Eingriffe andererseits. Aktuell erfüllen etwa zwei Millionen Deutsche bei Anwendung der aktuell gültigen S3-Leitlinie zur Adipositas-Chirurgie potenziell die Indikation zur Operation.

Unabhängig davon, dass die Operation als effektive Methode Betroffenen nicht vorenthalten werden darf, sind gesamtgesellschaftliche Anstrengungen notwendig, die Prävention zu verbessern und alternative, wirksame Therapieoptionen zu entwickeln.




Quelle:

Statement »Adipositas-Chirurgie: Einzig wirksame Option bei extremem Übergewicht (Adipositis) « von Professor Dr. med. Christoph-Thomas Germer, Präsident DGAV. Direktor der Chirurgischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Würzburg und PD Dr. med. Florian Seyfried, Oberarzt der Chirurgischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Würzburg. Kongress Viszeralmedizin 2016. Gemeinsame Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), Sektion gastroenterologische Endoskopie der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV).

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